Sonntag, 11. Dezember 2011

Wunderland 36

Gefällt er Dir?, fragte der Militärschneider.

Obwohl ich ein ‚Mädchen‘ war, oder auf dem Weg zu einem solchen, dachte ich, daß er wissen wollte, ob ich Paskarani als Sänger, resp. Schauspieler mochte, was ich verneinte, weil ich weder Teheraner Lieder noch Teherano-Western mag.

Paskarani steht zwar nicht auf ‚Mädchen‘ wie Euch, sagte der Militärschneider – und erst da kapierte ich, was er mit der Frage, ob mir Paskarani gefiel, gemeint hatte; daß Paskarani nicht auf ‚Mädchen wie uns‘ stand, verletzte mich übrigens, obwohl ich ihn als Schauspieler, wie gesagt, und Sänger nicht mochte, und sich seine Ablehnung von ‚uns Mädchen‘ nicht auf mich persönlich bezog, und ich mich ohnehin nicht als ‚Mädchen‘ fühlte, und mich zur Teilnahme an der Mädchenweihe nur bereit erklärt hatte, um das Lager verlassen zu können - Paskarani steht zwar nicht auf ‚Mädchen‘ wie Euch, aber darum geht es hier nicht, der Militärschneider sah mich erwartungsvoll an.
Nein, sagte ich.
Ich kannte mich nicht aus.

Paskarani ist verheiratet, sagte der Scheider, und er hat eine Affäre. Eine Studentin und Mitarbeiterin seines Teams“, der Junge wandte sich an mich, „Paskarani hatte für das Präsidentenamt der klerikalen Republik kandidiert. Er galt als linksliberal. Die Wahlen sollten ein halbes Jahr nach jenem Gespräch mit dem Militärschneider stattfinden.

So weit ich weiß, sagte der Militärschneider, ist die Geliebte unsere Agentin, aber ich bin mir nicht sicher. Wie auch immer - sie wird kooperieren. Paskarani hat ein Appartement in Nord-Teheran, wo die beiden sich treffen. Wir wissen, daß er immer nur im Dunkeln Sex hat. Und immer nur im Schlafzimmer.

Wovon reden Sie überhaupt, sagte ich, oder wollte ich sagen. Es irritierte mich übrigens, daß der Militärschneider mit seiner phrygischen Mütze und den Folianten auf dem Tisch, Sex gesagt hatte, und nicht etwa Liebe. Auf meine Frage - falls ich sie wirklich gestellt haben sollte - reagierte er nicht.

An das Schlafzimmer schließt ein großer begehbarer Schrank an. Darin wartest Du. Kurz nachdem der Sex begonnen hat, verläßt das Mädchen unter irgendeinem Vorwand das Schlafzimmer, um in das Badezimmer zu gehen, und vom Badezimmer, das durch eine Tür ebenfalls mit dem begehbaren Kleiderschrank verbunden ist, in eben diesen. Dort löst Du sie ab und gehst über das Badezimmer in das Schlafzimmer, wo Paskarani glauben wird, Du seiest das Mädchen. Du wirst Dich nach Möglichkeit so positionieren, daß er nicht gleich merkt daß Du … kein richtiges Mädchen bist, das werden wir natürlich üben, und die Zeit, die er braucht, bis er es merkt, nützen wir, um Euch zu filmen.

Als er das sagte, lächelte der Schneider wie ein gütiger Vater“.

wird fortgesetzt

Freitag, 9. Dezember 2011

„Geben Sie mir eine Katze“ - von Vladimir Vertlib

Auschwitz, die Wannsee-Konferenz, Warschau, Stalingrad, Dresden oder Hiroshima stehen im kollektiven Bewusstsein für Rassenwahn, Massenmord, Zerstörung und das Grauen des Krieges. Aber Leningrad? Was sollte dort gewesen sein?

Der folgende Artikel meines Freundes, des Schriftstellers Vladimir Vertlib, beschäftigt sich mit der blutigsten Stadtbelagerung der Geschichte.

Es muss fast auf den Tag genau vor 70 Jahren gewesen sein, als eine junge Frau meinen Großeltern erzählt hat, dass ihr Sohn im Sterben liege. Meine Großeltern könnten ihm aber vielleicht das Leben retten, sagte sie, denn sie habe gehört, sie besäßen noch eine Katze. Alle anderen Bewohner der Stadt hätten ihre Hunde und Katzen schon aufgegessen. „Geben Sie mir die Katze, damit mein Sohn nicht verhungert“, bat die Frau. „Die Katze ist seine letzte Chance.“ Der Sohn der jungen Frau war ein Mitschüler meines Onkels. Mein Onkel war damals zehn, seine kleine Schwester – meine Mutter - knapp vier Jahre alt.
Meine Großmutter wollte die Katze nicht hergeben, drängte die Frau aus der Wohnung und schlug die Tür zu. „Doch sie ging nicht weg“, erzählte mir meine Mutter Jahrzehnte später, „sondern kniete draußen im Korridor vor unserer Wohnungstür und heulte und bettelte so lange, bis sich deine Großmutter schließlich doch bereit erklärte, ihr die Katze zu schenken.“ Meine Mutter erinnert sich noch, wie die Katze sich zu verstecken versuchte, so, als wüsste sie, was ihr bevorstand, und wie man ihr nachjagte, wie man sie einfing und in einen Polsterüberzug steckte. Das Kind überlebte. Es ist seltsam, dass mich von allen Blockadegeschichten, die mir meine Eltern erzählt haben, gerade diese besonders erschüttert hat. Vielleicht war das Grauen der anderen Szenen zu unmittelbar, die Dimension zu groß, um sie als Nachgeborener, der die Zeit nicht selbst erlebt hat, emotionell fassen zu können.
Die nüchternen Fakten: Im September 1941 wurden die Stadt Leningrad (heute wieder St. Petersburg) und einige umliegende Dörfer von der deutschen Wehrmacht im Süden und der finnischen Armee im Norden umzingelt und konnten fortan nur über den Ladoga-See mit Schiffen – im Winter, wenn der See zugefroren war, auch mit Lkw – notdürftig versorgt werden. Erst im Jänner 1943 wurde der Blockadering an einer Stelle durch die Rote Armee gebrochen. Die Belagerung der Stadt durch die Wehrmacht dauerte jedoch noch ein weiteres Jahr an. Nach neuesten Schätzungen verhungerten oder starben damals an den Folgen der Unterernährung etwa 750.000 Leningrader Zivilisten, ein Drittel der Bevölkerung, die meisten davon zwischen Dezember 1941 und Mai 1942. Ungefähr 17.000 kamen durch Fliegerangriffe und den permanenten Artilleriebeschuss ums Leben. Hunderttausende Soldaten der Roten Armee wurden bei der Verteidigung der Stadt getötet. Damit gilt die Leningrader Blockade als die wahrscheinlich blutigste Belagerung einer Stadt überhaupt.
Viele Menschen, vor allem Kinder, wurden 1942 über den Ladoga-See aus der Stadt gebracht. So auch meine Eltern und Großeltern. Durch eine Verkettung glücklicher Zufälle hatten sie die schlimmsten Hungermonate überlebt, mussten aber fortan unter den Traumata der Belagerung und den Folgen des Hungers leiden – Folgewirkungen, die in der Sowjetunion gar nicht oder nur mangelhaft aufgearbeitet werden konnten.

Bombardierung und Abriegelung

Hitler hatte geplant, Leningrad dem Erdboden gleichzumachen und seine Einwohner zu vertreiben oder zu liquidieren. Nachdem die Einnahme der ehemaligen russischen Hauptstadt im Herbst 1941 gescheitert war, beschränkte sich die deutsche Armee hauptsächlich auf die Bombardierung und hermetische Abriegelung der Region. Das „logistische Problem mit der Zivilbevölkerung“ würde sich dadurch von selbst lösen. „In Anbetracht des Kräfteverbrauchs von Leningrad wird die Lage bis auf Weiteres gespannt bleiben, bis der Hunger als Bundesgenosse wirksam wird“, schrieb der Chef des deutschen Generalstabs des Heeres, Generaloberst Franz Halder. Übergabeangebote nach der Einkreisung der Stadt seien abzulehnen, lautete der Befehl. Auf diese Weise werde „ein großer Teil der Bevölkerung zugrunde gehen“, meinte Generalfeldmarschall von Brauchitsch, „aber doch wenigstens nicht unmittelbar vor unseren Augen“.
Nach dem Krieg wurde die Blockade von der sowjetischen Propaganda zur „heldenhaften Abwehrschlacht“ der Bevölkerung von Leningrad gegen den faschistischen Aggressor stilisiert. Die wenig heroischen Seiten wurden dabei verschwiegen: die Inkompetenz der sowjetischen Führung, deren falsche Entscheidungen das Einkreisen der Stadt erst ermöglicht hatten, das Chaos der ersten Kriegsmonate, die Ungerechtigkeiten bei der Zuteilung von Lebensmitteln, Diebstahl, Mord und Kannibalismus und vor allem der permanente Terror gegen vermeintliche „Volksfeinde“, der in der belagerten Stadt sogar noch intensiviert wurde.
Die Verlogenheit der sowjetischen Historiografie war wenig überraschend. Was meine Eltern hingegen verblüffte, nachdem sie die Sowjetunion verlassen hatten, war das völlige Unwissen, das in Österreich über die Blockade, über ihre Täter und Opfer, die Initiatoren und den Ausgang herrschte. Auschwitz, die Wannsee-Konferenz, Warschau, Stalingrad, Dresden oder Hiroshima stehen im kollektiven Bewusstsein für Rassenwahn, Massenmord, Zerstörung und das Grauen des Krieges. Aber Leningrad? Was sollte dort gewesen sein? Allenfalls brachten einige Menschen diese Stadt mit der Oktoberrevolution in Verbindung. Und wo waren die ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht, die selbst an der Belagerung teilgenommen hatten? Sie schwiegen wahrscheinlich noch verbissener als alle anderen.
Auch in anderen Ländern, in Deutschland, Großbritannien oder in den USA, wussten eigentlich nur Experten über die Leningrader Blockade Bescheid. Es gab spannendere und wichtigere Themen als ein paar hunderttausend verhungerte russische Zivilisten. War deren Schicksal nicht einfach „nur“ eine tragische Folge des Frontverlaufs? Erst in den letzten Jahren ist das Interesse an dieser „Episode“ des Krieges gestiegen. Neben Fernseh- und Radiosendungen ist auch außerhalb Russlands eine Reihe von Büchern über die Blockade erschienen. Das mit Abstand beste davon hat nun die renommierte britische Historikerin und Journalistin Anna Reid geschrieben. Der englische Originaltitel, „Leningrad. Tragedy of a City under Siege, 1941–44“, ist weniger griffig, wird aber dem Inhalt und dem Ton des umfassenden Berichts sehr viel besser gerecht als der Titel der deutschen Ausgabe, „Blokada“. Der Originaltitel steht in seiner Mischung aus Anschaulichkeit und historischer Seriosität, Einfühlsamkeit und Sachlichkeit in guter Tradition der angelsächsischen Geschichtsschreibung.
Reid setzt einen klaren Schwerpunkt: Sie beleuchtet hauptsächlich die Ereignisse auf der russischen Seite der Front. Auch wenn an einigen Stellen die Aktionen der deutschen Wehrmacht, die zynischen Überlegungen der Generäle und manche Kommentare einfacher Soldaten wiedergegeben werden, so sind es vor allem russische Archive, die Reid durchforstet hat, russische Zeitzeugen, die sie zu Wort kommen lässt. Dabei stand ihr das umfangreiche, in Sowjetzeiten unter Verschluss gehaltene Material zur Verfügung, zum Beispiel die Protokolle der Gespräche Stalins mit seinen Generälen (darunter viele hysterische Meldungen und widersprüchliche Befehle) oder die peinlichen Auftritte von Parteibonzen, insbesondere jene von Andrej Schdanow, dem Leiter der Leningrader Parteiorganisation, der in seiner „tragikomischen Amtszeit Schostakowitsch auf dem Klavier politisch korrekte Melodien vorklimperte“. Vor allem, so Reid, „betätigte er sich als Massenmörder“, war er doch für die Leningrader Säuberungen von 1937 bis '39 zuständig gewesen.
Als die Sowjetunion 1941 von Hitlerdeutschland angegriffen wird, hat das Land gerade die furchtbarsten Zeiten politischen Terrors hinter sich. Kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen unter den Hingerichteten oder im Lager hat. Olga Berggolz etwa, die während der Blockade durch ihre Gedichte, die im Rundfunk gesendet werden und den Menschen viel Kraft zum Durchhalten geben, berühmt wird. Sie hat ihren Mann verloren. Er ist 1938 exekutiert worden. Ihr selbst wurde „im Gefängnis am Liteiny-Prospekt in den Bauch getreten, bis sie eine Fehlgeburt erlitt“. Danach ist sie freigelassen und rehabilitiert worden. Ihr zweiter Mann verhungert während der Blockade. Ihr Vater wird aufgrund seiner deutschen Herkunft nach Sibirien deportiert.
Zu den Zigtausenden Leningradern, die in den ersten Kriegsmonaten vom NKWD als „sozial fremde Elemente“ verhaftet werden, gehört auch der exzentrische Autor Daniil Charms, der heute als Klassiker der Avantgarde gilt. Er stirbt während der Blockade im Gefängnis. Warum wurde gerade er festgenommen? „Vielleicht nur deshalb“, heißt es, „weil er einen komischen Hut trug.“
Einige Gegner des Regimes halten die Deutschen für „Befreier“. Diese Illusion wird rasch zerstört. Flüchtlinge aus den besetzten Gebieten erzählen von Demütigungen, Misshandlungen und Massenerschießungen. Am 22.Juni 1941, in den ersten 24 Kriegsstunden, melden sich rund 100.000 Leningrader freiwillig zur Armee, „lange bevor die Bürokratie sie einberufen konnte“. Die Katastrophe können sie allerdings nicht abwenden.

Mit Zellulose aus Fichtenspänen

Wenige Monate später sind die meisten von ihnen tot oder in Gefangenschaft, und die Essensration für Kinder (wie damals meine Eltern), nicht berufstätige Erwachsene und Büroangestellte beträgt in Leningrad seit dem 20. November 125 Gramm Brot am Tag – drei dünne Scheiben, die neben Mehl auch Leinsamen und hydrolisierte Zellulose aus Fichtenspänen enthalten. Arbeiter und Soldaten erhalten etwas mehr. Es ist der Beginn der schlimmsten Hungerzeit, ein „Sturz in den Trichter“, wie sich der russische Historiker Sergej Jarow ausdrückt.
Für Anna Reid war die Stadt damals „ein an Goya gemahnendes Schlachtfeld“, in dem die meisten Errungenschaften der Zivilisation untergegangen waren. „Gebäude brannten tagelang, ohne dass sich jemand um sie kümmerte, ausgezehrte Leichen lagen verstreut auf den Straßen“, berichtet Reid. Wer keine guten Beziehungen oder keine Wertsachen besaß, die er gegen Lebensmittel tauschen konnte, hatte kaum eine Chance zu überleben. Nur die Parteisekretäre, Direktoren und Geheimdienstleute brauchten nicht zu hungern. „Speisen waren in der Sowjetunion stets ein Mittel zur Nötigung und zur Belohnung der Bevölkerung gewesen“, schreibt Reid. Führungskräfte erhielten in der „klassenlosen Gesellschaft“ sogar ganz offiziell höhere Lebensmittelzuteilungen.
Die eindrücklichsten und berührendsten Passagen in Reids Buch sind die vielen Zitate aus Interviews, Tagebüchern oder Erinnerungen, die die Autorin mit Bedacht ausgewählt, zu einem plastischen Kaleidoskop zusammengefügt und manchmal auch kritisch kommentiert hat. Wer das Buch gelesen hat, wird eine Ahnung davon bekommen, wie es damals wirklich gewesen ist.

Anna Reid: Blokada

Die Belagerung von Leningrad, 1941 bis 1944. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. 560S., geb., €35 (Berlin Verlag, Berlin)

Copyright: Vladimir Vertlib

Samstag, 3. Dezember 2011

Teheran



Das Licht auf Giws Glatze macht seine Kopfhaut strahlen. Sein Gesicht ist ein hautfarbener Schuh, mit farblosem Spezialwachs geputzt. Wenn er dienstags und freitags im Café Columbia sitzt, ist der Giw ein Glanzpaket. Ich sag’s Euch Burschen, ein Wahnsinn ist das, was in Teheran passiert.

Zwei Mal die Woche sitzt Giw im Columbia-Café. Wenn ihm Arman und ich gegenübersitzen, pendeln sein Blicke wie ein Pfidschipfeile zwischen unseren Gesichtern. Meine Herren, was in Teheran passiert ist eine Wucht. Wenn er Wucht sagt, schlägt Giw mit seinem rechten Handrücken auf seine Linke. Die Hohlseiten seiner Hände sind rundlich gewölbte Pakete. Mit Einschnürungen dazwischen.

Der Vater, in seinem Büro sitzend, schweigt. Ich gehe im Vorraum, von dem aus drei Türen in andere Büroräume führen, auf und ab. Immer wieder komme ich in Vaters Zimmer und beobachte ihn beim Schweigen.

Im Auto, auf der Fahrt von Teheran nach Ghaswin, wird der Vater sagen: Wenn ich nicht Baha’i wäre, würde ich ein Maschinengewehr nehmen und kämpfen.

Am Jakominiplatz in Graz sehe ich die Studenten aus Teheran im Hungerstreik. Es wird 1978 sein. Abt, mein Kamerad vom Gymnasium, wird neben mir stehen, und schauen. Ich werde erregt und verwirrt sein. Alles was mit Teheran zu tun hat, erregt und verwirrt mich. Ich weiß nicht, ob ich den Schah mag, oder die Linken. Vielleicht mag ich den Schah, weil er mir leid tut. Ich denke, er ist traurig und sensibel. Aber dem Dariusch - meinem Kollegen von der Deutschen Schule Teheran - sein Vater, der Unfallchirurg, sagt, daß dem Schah sein Geheimdienst die schlimmsten Verbrechen verübt. Dem Dariusch sein Vater muß die Gefolterten wieder herrichten, daß man sie weiterfoltern kann. Die Toten würde man in Hubschrauber packen und über der Salzwüste abwerfen.

Ich kenne die Salzwüste aus dem Sachkundeunterricht der Fräulein Greiner in der Deutschen Schule Teheran. Sie ist ein großes, grauhaariges Fräulein mit einem roten Gesicht. Fräulein Greiner ist eine alte Jungfer. Aber wir lieben sie, weil sie alle paar Wochen ein paar von uns zum Steine-Sammeln ins Gebirge mitnimmt. Die Greiner werde ich fünf Jahre nach der Revolution bei einem Klassentreffen in Hunsrück, im Saarland, wiedersehen. Sie wird sich nicht so begeistert zeigen wie ich. Sie wird sich kaum an mich erinnern. Dann wird sie erzählen, daß Teheran ein Paradies war. Sie sei im ganzen Land herumgereist. Nie sei sie als Frau belästigt worden. Die anderen lachen verhalten und ich lache mit. Die Greiner ist dicker geworden, und wirkt athletisch. Ich werde mir ein Kopftuch kaufen. Es muß doch eine Möglichkeit geben, wieder hinunterzufahren.

Abt und ich spazieren am Jakominiplatz an den Studenten entlang. Sie liegen auf Feldbetten, und sind vermummt. Sie protestieren gegen den Schah und sein Regime, weil die Polizei gegen Teilnehmer am islamischen Opferfest gewaltsam vorgegangen ist. Einige Studenten haben Bärte. Sie sind Kommunisten, erkläre ich dem Abt. Sie benützen den Islam, um die Massen zu mobilisieren, aber sie sind Atheisten und Kommunisten. Ich bin fünfzehn und altklug. Foad, mein Oheim, wird sagen: Die Studenten schummeln. Sie essen heimlich. Er kenne sich da aus. Mina, die Frau des Proleten Peyman wird sagen: Und wenn sie die beste Weltanschauung der Welt hätten, gegen den Schah und seine Weltklasse-Armee haben Sie keine Chance.

Zuhause habe ich gelernt, daß Politik das größte Übel sei. Wir Baha’i mischen uns nicht in die Tagespolitik, sagt der Vater. Wir wollen den Weltfrieden, sagt die Mutter, die Politik entzweit die Menschen und ist dreckig.

Die Studenten am Jakominiplatz tragen Bärte. Keine Hippie-Bärte, sondern islamische. Einige Studentinnen tragen das Kopftuch.

Teheran existiert nicht, sage ich Giw. Es gibt keine Zeit, in die ich Teheran ansiedeln kann. Es gibt eine Zeit in der ich in Teheran angesiedelt wurde. Und es gibt eine Zeit, in der ich aus Teheran abgesiedelt wurde. Aber in der Zeit, in der ich in Teheran war, war ich nicht ich. Und in der Zeit, wo ich ich war, war ich nicht in Teheran. Also bin ich nie in Teheran gewesen. Also existiert Teheran nicht.

Du hast Teheran in Dir, sagt Giw. Du hast Teherans Geräusche, und Stimmungen, und Gerüche in Dir.

Aber welche Stelle meines Leibes oder meiner Seele enthält Teheran?

Teheran ist eine Fläche, aber mit zunehmendem Norden hebt Teheran vom Boden ab, und steigt an, bis es sich im kahlen und kühlen Elbursgebirge verliert.

Dem Giw seine Glatze ist kahl, aber nicht kühl. Niemals hat Giw einen kühlen Kopf gehabt. Seit er denken kann, ist der Giwkopf heiß gewesen. In den Siebzigern ging es, mit heißem Kopf und heißem Herzen, gegen die Imperialisten und Kapitalisten, und gegen den Schah.

Damals sang Giw abends, vor dem Einschlafen, ein Lied, das hatte keine bestimmte Melodie. Die Melodie war mal laut und rauh, wie eine Melodie in aller Herrgottsfrühe, zum Aufstehen, mal sehr leise wie das Nachklingen eines Wimmerns.

Das Lied war kein Lied. Es war die Melodie zu einem Gedicht, das jemand auf die Innenseite von Lenins Was tun? - in persischer Übersetzung - geschrieben hatte, und es handelte vom Damawand, dem Hausberg von Teheran.

Ey Dive sepide Pay dar Band,
Ey Gonbade Giti, ey Damawand
As sim be sar jeki Kolahchud,
S’Ahan be Mian jeki Kamarband ...

Damawand, Du weißer gefesselter Dämon,
Du silberne Kuppel der Welt -


Meine Erinnerung enthält keinen Damawand von Teheran aus, aber das Elbursgebirge am Abend. Von der Alten Schemiran-Straße zweigt eine Straße nach Gholhak ab, deren Namen ich nicht erinnere. An der Gabelung steht die gigantisch große Reklametafel von Canada Dry. Grün-weiß-rot leuchtet das Signet des Sprudelgetränks. Dahinter die Lichter der Bergstation Totschal. Weiße, blaue und grüne Punkte auf dem Weg in den Himmel.

Der Keyhan berichtet, der geistliche Führer des Landes ginge in aller Herrgottsfrühe Bergsteigen. Am 6. August 1992 haben seine Häscher in aller Herrgottsfrühe den Sänger und Showmaster Farokhzad umgebracht. Vom Farokhzad heißt es, er sei schwul gewesen. Bei einem Konzert im Parkhotel, in Wien, sagte er, man hätte ihm, bei einem Abendessen, sechs Mal dem selben Arzt, vorgestellt, einem Frauenarzt. Ich mag schwul sein, sagte er, aber eine Frau bin ich nicht.

Den Farokhzad haben sie in seiner Wohnung in Bonn umgebracht. Da war etwas mit einer Badewanne, ich weiß es nicht mehr. Im Teheran der Schah-Zeit erzählten sie einen Witz über ihn. Der Geheimdienst lädt drei Sänger, die Giti, den Aref und den Farokhzad, vor. Die drei werden in ein Wartezimmer gesetzt. Als erster wird Aref aufgerufen. Eine Stunde später kommt er in das Wartezimmer zurück. Er windet sich vor Schmerzen. Was haben sie Dir getan?, fragen die anderen. Sie haben mir eine Pepsi-Flasche in den Arsch gesteckt. Dann ist Giti dran. Zwei Stunden später kommt sie zurück. Auch sie windet sich vor Schmerzen. Was haben sie mit Dir gemacht? Coca Cola, schluchzt sie. Dann ist Farokhzad an der Reihe. Drei Stunden später kommt er aus dem Untersuchungsbüro. Und? Was haben sie mit Dir gemacht? Und an dieser Stelle muß dieser Witz mißlingen, weil er zum Gelingen voraussetzt, daß der Leser mit einem Werbespot des Teheraner Fernsehens der siebziger Jahren vertraut ist. Ein Werbespot, bei dem junge Menschen in einem Garten dicht nebeneinander stehen und tanzen. In der Mitte tanzt eine junge Frau, mit langen schwarzen, leicht gewellten Haaren. Sie singen: „Conodo Derei, da-là-la-la dà-la-la-la, Conodo Derei, da-là-la-la dà-la-la-la, Conodo Derei, da-là-la-la dà-la-la-la, Conodo Derei dà-là-la-la dà-la-la-la.“ Es ist eine Werbung für Canada Dry, nur daß Teheraner sich schwer tun, zwei Konsonanten hintereinander auszusprechen. Auch sprechen sie manche A‘s wie ein O aus.
Der Farokhzad des Witzes tanzt genau so wie das Mädchen mit den langen schwarzen, leicht gewellten Haaren. Er macht dieselben kreisenden Handbewegungen. Es sind die Handbewegungen einer Zauberin. Sein kleiner Finger bewegt sich wie der Stab eines Dirigenten.

Zwanzig Jahre später wird Farokhzad vom Geheimdienst der Islamischen Republik heimgesucht. Ich weiß nichts über seinen Tod. Ich habe ihn 1991 im Parkhotel in Wien gesehen. Da ging er tänzelnd durch die Reihen der aufgeputzten persischen Menschen. Sein Arsch wackelte in der Horizontalen. Er sprach von seiner Schwester Furugh, der Lyrikerin, die auch damals schon lange tot war, und die ich, ohne zu wissen warum, die Ingeborg Bachmann Teherans nenne.

Gonah kardam,
Gonahi por se Lesat,
dar Aghuschi ke garm o ataschin bud

Ich sündigte, hach welche Lust,
In seinen heißen Armen


Seine Schwester Furugh, sagte Farokhzad, hätte ihm einmal geschrieben, er solle ja nicht Showmaster werden. So etwas in Teheran zu machen, sei Scheiße. Dann sang er ein Lied von Hildegard Knef, und behauptete, Kultur bestünde nicht nur im Lesen der Dichter, sondern zeige sich auch in der Art, wie man in der Nase bohre. Dann sang er ein patriotisches Lied.

Iran, Iran marze porgohar

Iran, Land der Schätze …


Dabei reckte er die Fäuste in die Höhe. Wie ein Recke, dachte ich. Und: Was der alles ist: Showmaster, Kulturtheoretiker, Schwuler, Sänger, Polit-Aktivist, Patriot.

Es rühme sich nicht der, der seine Heimat liebt, sondern der, der die ganze Menschheit liebt, heißt es in den heiligen Texten der Baha’i. Der Himmel hat überall die gleiche Farbe, sagt Mutter. Ich bin mit ihr von Teheran nach Graz gekommen. Graz schmeckt mir nicht. Eine Woche nach unserer Ankunft, gehe ich mit meinem Oheim Foad ins Akademische Gymnasium, zum Direktor. Er ist ein netter Herr mit Anzug, Mascherl und Brille. Früher ist er Foads Französisch-Lehrer gewesen. Später wird er der Großvater seiner eigenen Kinder, indem er eine um Jahre jüngere Französin heiratet.

Bevor ich das Büro des Direktors betrete, gehe ich durch die Gänge der Schule. Das Innere des altehrwürdigen Gebäudes weckt in mir Erinnerungen an einen Film, den es nie gegeben hat. Der Film – aber es handelt sich eher um eine Fernsehserie -, spielt in einer altehrwürdigen Schule, in einem altehrwürdigen Land, in einer Anstalt, in der es Disziplin gibt, aber auch Abenteuer. Die Deutsche Schule in Teheran erscheint mir, als ich durch die hohen, altehrwürdigen Gänge des Akademischen Gymnasiums gehe, nie wirklich gewesen zu sein.

Einmal im Herbst sitze ich in unserem Klassen-Container, im oberen Teil der Deutschen Schule, gleich neben dem großen Swimmingpool. Ich mache aus meiner Hand einen Trichter, und lege die andere Hand als Deckel darauf. Wenn ich den Deckel öffne und schließe, entsteht ein Rauschen, wie das Rauschen, wenn man eine Muschel ans Ohr hält. Das Rauschen begleitet meine Stimme beim Lesen eines Gedichtes im Deutsch-Lesebuch, in dem es um die Stimmung in einer verlassenen Baracke am Arsch der Welt geht. Ich stelle mir eine Zeit vor, in der die Deutsche Schule leer und verlassen sein wird. Als besonders verlassen stelle ich mir eine Ecke hinter dem großen Backsteingebäude vor, in dem das Sprachlabor untergebracht ist. Die Ecke ist voller verrottender Gegenstände - Kästen, Ordner, Schreibtischschubladen, Atlanten, Fernsehmonitore, Zeitschriften, Stofffetzen. Ich stelle mir vor, meine Freunde, der Daniel, der Dariusch, der Parvis, der Sassan, sind alle verschwunden, so wie überhaupt alle Menschen der Schule. Ich bin allein. Ich fühle mich eigenartig. Schlecht und gut, gut und traurig, traurig und stark und frei.

Der Direktor des Grazer Gymnasiums sieht mich bekümmert an. Wir werden Dich erst mal als außerordentlichen Schüler einstufen. Wenn Du die Anforderungen nicht schaffst, wirst Du ein Jahr zurückgestuft. Du siehst mich so bekümmert an, sagt er, das muß ja nicht sein. Wenn Du die Anforderungen schaffst, geht alles in Ordnung.

Kolleritsch, der Deutschlehrer, lobt meinen Stil. Ich habe Dir jetzt einen Vierer gegeben. Wegen der Fehler. Aber dein Text ist schön. Er liest meinen Aufsatz vor, damit sie sehen, wie schön Deutsch sein kann. Ich habe von einem Landhaus am Rande von Teheran geschrieben. Ein Landhaus am Rande von Teheran hat es aber nicht gegeben. Es hat einen Garten gegeben, mit einem Häuschen in der Ecke, in Shian. Jedoch war es nicht wirklich ein Garten. Verglichen mit den Gärten in Graz war Shian kein Garten. Die Erde war trocken und blaß, und die Bäume dünn. Auch das Landhaus war, verglichen mit den Häusern in und in der Umgebung von Graz, nicht wirklich ein Haus. Ein Häuschen am Rande von Teheran, in den Siebzigern, ist etwas anderes, als ein Haus mit ländlich steirischer Fassade. Das Häuschen in Shian sah aus wie ein kleines, weißes Raumschiff. Wenn es warm ist, lege ich mich auf dem mit Teer beschichteten Dach. Das Grundstück liegt bei den Shian-Hügeln, mit ihrem schütterem Baumwuchs. Irgendwo dort oben soll die Villa eines Geheimdienst-Offiziers sein. Der Vater sagt, die Villa sei in Wahrheit eine Funkzentrale der SAVAK. Ich denke, daß es in Wahrheit um Außerirdische geht.

Jeden Freitag gibt es im Fernsehen die Serie Boschghab Parandeh, Die Fliegende Untertasse. Die Hauptrolle spielt ein Mann mit einer glatten blonden Frisur, und Stirnfransen. Er leitet eine Militäranlage gegen UFO’s, die die Erde bedrohen. Seine Kommandozentrale ist als Filmstudio getarnt.

Wenn ich an Shian denke, denke ich an Hadige. Die Landschaft in Hadige ist ähnlich der Landschaft um Shian. In Hadige finden im Sommer Baha’i-Jugendlager statt. Knapp vor Hadige haben sie einen Vergnügungspark mit Autodroms und einem Karussel gebaut. Der Vergnügungspark paßt nicht zu Hadige. In Hadige ist alles heilig. Morgens um sechs ist Morgenandacht im Amphitheater. Das Amphitheater ist eine Art Hörsaal mit abfallenden Sitzrängen. Unten steht links ein Rednerpult und rechts ein Yamaha-Klavier. Im persischen schreibt man Amphitheater Amfi Ta’atr und spricht es so aus, wie man es schreibt. In Graz lerne ich im Lateinunterricht, was ein Amphitheater in Wirklichkeit war, und welche Funktion es in der Antike hatte. Im Amfi Ta’atr von Hadige ist um 6.45 die Morgenandacht zu Ende. Zum Abschluß wird immer das selbe Lied gesungen:

Ey Djawanane Dore jasdani
Ey schoma Kache Solh ra bani

Jugend der göttlichen Ära,
Wegbereiter des Friedensreiches ...


Dann geht es zur Morgengymnastik ins Freie. Nach dem Frühstück gibt es im Amfi Ta’atr Vorlesungen. Die Redner sprechen über die Psychologie der Geschlechter und die Weltfriedensordnung. In der Nacht liegen wir in Stockbetten und träumen von den Mädchen im gegenüberliegenden Schlaftrakt. Armagan, mein pubertierender Cousin, nimmt vor der Morgenandacht die persische Ausgabe von Erich Fromms Die Kunst des Liebens zur Hand - das Buch wird in Hadige als Lehrbuch verwendet, um uns Baha’i-Jugendlichen eine fromme und zugleich moderne Haltung zur Liebe zu vermitteln - und sucht nach sexuellen Inhalten. Er sitzt mit sabberndem Mund auf dem Bett und liest vor: Das Wesen der Liebe besteht in Hingabe. Hingabe, wiederholt er, und strahlt. Seine Hände formen Halbkugeln, die sich hin und her bewegen, als umfaßten und schüttelten sie die Brüste einer Frau.

Nachts schlafen wir nicht. In einem Raum neben dem großen Schlafsaal treffen sich die älteren Jungen um ordinäre Witze auszutauschen. Es geht immer um die männlichen Bewohner der Hafenstadt Rascht, die regelmäßig von ihren Frauen beschissen werden.

Roland Kraut, ein blonder, schnauzbärtiger, österreichischer Bekannter der Eltern, sagt, es gebe Menschen, die nur darauf warten würden, daß jemand einen ordinären Witz erzählt. Sobald das passiere, erzählten sie einen ordinären Witz nach dem anderen. Niemals würde ein solcher Mensch mit dem Erzählen ordinärer Witze beginnen. Zuerst sei er zurückhaltend und höflich, dann ließen er die Sau raus.

Die Menschen aus Teheran, sagt Hilfspfleger Reini vom Landesnervenkrankenhaus Graz, sind außergewöhnlich zurückhaltend und höflich. Im Café Columbia, habe er Gelegenheit, Menschen aus Teheran zu studieren. Wenn er die Menschen aus Teheran sagt, meint der Reini den Giw. Die Menschen aus Teheran seien irgendwie anders, als die Menschen von Graz. Dabei zuckt Reini kurz mit dem Kopf. Seine Stimme ist hell, wie sein Gesicht, so daß er unmöglich aus Teheran sein könnte, weil die Menschen in Graz glauben, daß die Menschen aus Teheran niemals hell sein könnten, was aber nicht stimmt. Der Reini schaut dem Teheraner Liedermacher Farhad ähnlich, der das populäre Lied Freitags gesungen hat.

Djom’e waghte raftane,
Mosseme Del kandane,
Khandjar az Poscht misane,
Unke hamrahe mane

Dare as Abre sia Chun mitscheke
Djom’eha Chun djaje Barun mitscheke



Freitags ist es Zeit zu gehen,
Freitags reiß Dein Herz aus
Der hinter mir rammt mir ein Messer in den Rücken

Aus der schwarzen Wolke regnet es Blut
Freitags gibt es Blut statt Regen


Die Haut des Teheraner Liedermachers ist nicht dunkler als die des Hilfspflegers Reini, aber sein Haar. Der Hilfspfleger Reini war, bevor er Hilfspfleger in der Heilanstalt wurde, Elektriker. Als wir beide, er als Hilfspfleger, ich als Arzt, auf der Geriatrischen arbeiteten, eröffnete er mir, daß er einmal im Irak gewesen sei, in Basra. Basra liegt im Süden des Irak, an der Grenze zu Persien. Vor dreihundert Jahren gehörte es Persien. Reini behauptet, Basra hätte in den siebziger Jahren, als er dort auf Montage gewesen sei, dem Iran gehört. Es hat dem Schah gehört, sagt er.

Der Reini liest im Café Columbia Zeitungen, auch deutsche. Er ist ein feiner Mensch, der seine leichte Marke langsam raucht. Im Café Columbia sitzend, kneift er das linke Auge zu, und neigt den Kopf weit nach links, so daß es weh tun müßte. Bei der Supervision hat er viel zu sagen. Er spricht langsam. Zwischen den Sätzen schaut er an uns vorbei, in die Luft. Schwester Berta sagt, der Reini sei ein g‘spüriger Mensch. Seine Frau ist Stationsschwester, im LKH, auf der Neuro. Sie ist fett und ungepflegt, aber tüchtig. Früher war sie hübscher. Der Reini ist ein Feschak. Schaut aus wie ein Grieche.

Die Kriege zwischen den Griechen und Persern interessieren meine Kameraden in Graz ganz besonders. Der Liebmann, ein dunkelblonder Dünner, hält unaufgefordert ein Referat über die Perserkriege. Die Gudrun, eine der rundlichen Hammerl-Zwillinge ruft unaufgefordert in sein Referat hinein, es sei nur gerecht, daß die Griechen gewonnen hätten, sie seien gescheiter gewesen. Liebmann behauptet, daß Xerxes, der Perserkönig, das Meer hätte auspeitschen lassen, weil es so stürmisch gewesen sei, daß die persische Flotte nicht ablegen konnte. Der Liebmann hat mit dem Abt einen Geheimbund gegründet. Jeder in der Klasse hat einen Codenamen erhalten. Meiner ist Xerxes.

Im Sommer fliege ich mit den Eltern von Graz nach Teheran. 1974 ist das Dach des Teheraner Flughafens eingestürzt, der Flughafen selbst schaut jetzt aus wie ein Bahnhof, aber der Parkplatz davor ist noch der selbe. Ich stehe auf dem Parkplatz und atme. Die Abgase in Teheran, sage ich der Mutter, riechen anders als die Abgase in Graz. Die Mutter warnt mich vor den Abgasen in Teheran. Es gibt Tage, an denen das Radio alte und kranke Menschen davor warnt, das Haus zu verlasen. Ich bin seit zwei Jahren nicht in Teheran gewesen. Wir übernachten in der Wohnung eines Onkels in Nordteheran. Am nächsten Tag gehe ich allein in die Stadt. Ich bin vierzehn. Aber es gibt keine Stadt, so wie es in Graz eine Stadt gibt. Es gibt den Autoverkehr, einen Park, die Kanäle neben den Straßen, die orangen Taxis, die Maisverkäufer. Später fahre ich jeden Tag mit dem Taxi in die Wohnung einer Verwandten, um auch in den Ferien Klavier zu üben. Straßnig, meine Klavierlehrerin von der Grazer Landesmusikschule hat dieselbe Frisur wie der Hauptdarsteller des UFO-Films, und ist streng. Sie ist unzufrieden mit mir. Ich sei nicht motiviert, und ihr Vorgänger hätte meine Handhaltung ruiniert. Die Straßnig möchte aus ihrem Sohn einen Klaviervirtuosen machen. Es heißt, ihre Musikerziehung sei extremistisch. Ich erzähle ihr, daß der Werner, ein Schulkamerad, den sie kennt, politisch sehr rechts sei, und sich immer mit dem politisch sehr linken Deutschlehrer streite. Die Straßnig meint, alles Extreme sei ihr zuwider, am liebsten seien ihr Mitteldinger.

Falter, der Geschichtelehrer im Grazer Gymnasium kommt aus Siebenbürgen. Als wir die Perserkriege durchnehmen, erzählt er, es habe ihm einmal ein Perserteppich in der Auslage von Reyhanis Teppichgeschäft besonders gefallen. Er habe hineingefragt, was der Perserteppich koste. Der Verkäufer habe ihn angeschaut, dann den Teppich, dann wieder den Falter, und gesagt, der Teppich sei für den Falter zu teuer. Er koste hunderttausend Schilling. Der Falter schaut jetzt mich an und erwartet, daß ich etwas sage. Hunderttausend ist nicht viel. Es gibt teurere. Dem Falter gefällt meine Antwort nicht. Hunderttausend ist teuer genug. Über die teureren wollen wir nicht reden.

Der Falter ist auch Geographie-Lehrer. Er holt mich zur Landkarte des Orients und fragt, warum der Schah und seine OPEC den Ölpreis nicht noch höher ansetzen, als sie es ohnehin schon tun. Mir fällt nichts ein. Weil sie dann das Erdöl nicht absetzen könnten?. Nein, sagt Falter, weil dann auch die Erdölprodukte teurer würden, die sie importieren müssen. Der Falter strahlt wie der Farokhzad im Canada-Dry-Witz. Er hat demonstrieren können, daß er, was Persien betrifft, gescheiter ist als ich, aber auch, daß der Westen gescheiter ist als Persien. Weil Persien bloß den Rohstoff produziert und der Westen die Produkte, die Persien wieder importieren muß. Erdöl sei ein Bodenschatz, sagt der Falter. Jedoch müsse man als Land klug damit umgehen, damit man später nicht das Nachsehen habe.

In den Gasthäusern ist es mit dem Vater peinlich. Immer will er alle Bestellungen unter Kontrolle haben. Wenn er fragt, Was können Sie uns empfehlen?, lacht er nach jedem Wort. Wenn der Vater mit einer Kellnerin flirtet, und sie sich wegdreht, ohne es wahrgenommen zu haben, und geht, denke ich immer: Er hat das Nachsehen.

Die Perser, sagt der Liebmann, hätten bei der Seeschlacht von Salamis das Nachsehen gehabt. Ich denke, die Perserkriege sind lange her. Die Perser von damals haben mit den Persern von heute nichts zu tun.

In der Deutschen Schule, erzählt die Persisch-Lehrerin, Frau Andonian, von Ariobarsan, einem Feldherrn, der gegen Alexander einen Guerillakrieg führte. Seine Männer postierten sich auf den beiden Seiten einer Schlucht, durch die das Heer Alexanders durchmußte, und bewarfen es mit Steinen. Nur durch einen Verrat, so Andonian, hätten Alexanders Spione die Positionen der Perser erfahren, und diese bei einem nächtlichen Angriff massakriert.

Kreuz, der einzige Zeuge Jehova der Klasse, ist mein Freund, weil wir beide nicht katholisch sind. Er hat immer einen blauen Pullover mit V-Ausschnitt an, und darunter ein weißes Hemd. Die anderen sagen: Der Vater vom Kreuz ist wegen des Kirchenbeitrags Zeuge Jehovas. Warum, frage ich, mußte der Vater vom Kreuz Zeugen Jehovas werden, um keinen Kirchenbeitrag zu zahlen? Hätte es nicht gereicht, wenn er aus der Kirche ausgetreten wäre? Ich stelle die Frage nur mir, nicht den anderen, weil ich mir denke, so dumm können die anderen nicht sein, daß sie sich das, was ich mir denke, nicht auch denken.

In Teheran sagen sie, die Baha'i würden bei ihren Zusammenkünften einen Tee ausschenken, der Dich in eine besondere Stimmung versetzt. Dann würden Orgien gefeiert. Auch sagen sie, daß bei den Zusammenkünften der Baha'i plötzlich das Licht ausgehe. Dann würden Orgien gefeiert.

Obwohl der Kreuz ein Jehova ist, rauft er, und erzählt ordinäre Witze. Einmal kommt er in Rage und tritt gegen einen Sessel, der zusammenbricht. Die anderen sagen: Jehova hat seinem Haxn Kraft gegeben. Ich mag nicht, wenn sie Haxn sagen, aber wenn sie Jehova hat seinem Bein Kraft gegeben gesagt hätten, hätte es mir auch nicht gefallen. Das Steirische ist lässig, und widerwärtig.

Um mitreden zu können, mußt Du steirisch lernen, sagt Hormos, der Radiologe, der Ex-Studienkollege der Mutter. Es geht Dir schlecht, weil Du immer zuhause bei der Mutter bist. Damit es Dir gut geht, mußt Du in sein. Damit Du in bist, mußt Du Anschluß finden. Damit Du Anschluß findest, mußt Du steirisch reden. Damit Du steirisch lernst, mußt Du fortgehen. Damit Du fortgehen kannst, mußt Du zur Tanzschule. Sonntags mußt Du Flipper spielen. Am besten geh zum Alpenverein.

In Teheran bin ich auch nicht sportlich gewesen. Beim Skikurs, breche ich mir das linke Bein. Man transportiert mich mit einem Schlitten ins Tal. Das gebrochene Bein wird in eine aufblasbare Plastikschiene gesteckt. Sühnholz, unser liebenswürdiger Klassenvorstand, nimmt mich in seinem VW-Bus mit nach Teheran , zu den Eltern. Ich versuche tapfer zu sein, aber in der Ambulanz des Krankenhauses muß ich weinen. Der Sühnholz versucht mich zu trösten, indem er erzählt, daß Stalingrad viel schlimmer gewesen sei.

1998 wird der Giw außer sich sein. Er wird es nicht fassen können, daß Persien die WM-Qualifikation geschafft haben wird. Als das persische Team - in Australien - gegen Australien 2:2 spielt, schreien die persischen Jugendlichen in die australischen Kameras:

Iran mire - Faranse!
Iran mire - Faranse!

Iran geht nach - Frankreich!
Iran geht nach - Frankreich!


Ich träume, daß die Bevölkerung Teherans von Teheran abgesiedelt, und in Frankreich angesiedelt wird. Unter dem Arc de Triomphe gibt es ein Gelage. Die abgesiedelten Teheraner picknicken auf Teppichen und Decken. Die Stimmung ist gut. Aber viele protestieren. Sie wären lieber nach Amerika abgesiedelt worden. Ich stelle mich auf ein Podest, unter dem Arc de Triomphe, und halte eine Rede. Ich erkläre, daß Frankreich besser sei als Amerika. Vor hundert Jahren, bei der konstitutionellen Revolution in Teheran, sei die französische Revolution das große Vorbild gewesen. Die Revolutionäre hätten von dem Großen Französischen Volk gesprochen. Die Franzosen wüßten, wie man lebt und liebt. Außerdem seien sie bessere Fußballer als die Amis.

Beim WM-Spiel Persien gegen die USA ist der Fernsehpfarrer Paterno Gast im Sportstudio des österreichischen Fernsehens. Er atmet schwer und hat dunkelrote Äderchen im Gesicht. In der Pause sagt Paterno, die Perser würden sich irrsinnig anstrengen, aber die Amerikaner seien besser. Bisher hätten die Amerikaner Pech gehabt. Er würde für ihren Sieg beten. Giw meint, es sei schon ein Wunder, daß im Universum des Paterno auch für den Fußball Platz sei. Man könne nicht auch noch erwarten, daß im Universum des Pater Paterno die Vorstellung enthalten sei, daß ein Land wie Persien Fußball spielen könne.

Der Paterno ist Vorarlberger. Seine Vorfahren sind aus Italien. Beim Spiel Italien gegen Österreich, ist Paterno für Österreich. Der Paterno, meint Giw, wird seine Fußballkompetenz wohl gewinnbringend in seine Pfarrgemeinde eingebracht haben. Die Pfaffen in Teheran hätten keine Fußballkompetenz. In Frankreich hätten die persischen Fußballer die halbe Nacht vor dem Spiel mit Jugoslawien beten müssen, so daß sie beim Spiel müde gewesen seien. Der Paterno würde nicht wissen, wie schwer es die persischen Fußballer unter der Fuchtel von Paternos persischen Kollegen hätten. Der Islam sei schlecht für den Fußball.

Als Khomeini an die Macht kommt, setzt sich Giw, obwohl Atheist und Kommunist, für ihn ein. Bei einem Abendessen im Beisein meiner Großmutter Tuba, verkündete er, Khomeini sei ein Patriot erster Klasse, auch wenn er einen Turban trage und in Ghom sitze. Meine Großmutter Tuba fragt ihn, ob er, als Anhänger Khomeinis, auch faste und bete. Der Giw lacht über die Frage der Großmutter und scheint verlegen.

Damals, sagt Giw - jetzt, im Café Columbia -, damals wäre es ein leichtes gewesen, meiner Großmutter beizubringen, daß es gar kein Widerspruch sei, Kommunist und Atheist und zugleich für Khomeini zu sein. Dennoch hätte er es vorgezogen, der Großmutter gegenüber so zu tun, als ob er um eine Antwort verlegen wäre.

Jetzt ist der Giw, so wie alle Teheraner in Graz, gegen die Islamisten, die in Teheran herrschen. Dienstags und Freitags, im Columbia Café, erklärt er mir und dem Arman, was in Teheran passiert. Giw ist seit dreißig Jahren nicht mehr in Teheran gewesen. Dennoch ist er der größte Experte für Teheran. Jede Woche bekommt er Zeitungen und Magazine aus Teheran. Meistens per Post. Reisende bringen ihm Bücher.

Ich sag’s Euch, sagt Giw, ein Wahnsinn ist das, was in Teheran passiert. Zweidrittel der Teheraner sind jünger als Dreißig. Das sind die Kinder der Revolution, die werden die Revolution fressen. Der Giw hat schon mehrere Zweigelt intus. Der Glanz seiner Glatze wird wärmer. Der Khatami, sagt Giw, ist ein Großer. Er weiß, was er tut. Man muß langsam vorgehen, sagt Giw, mit Bestimmtheit, und bewegt seine Hände, die er parallel zueinander hält, von oben nach unten. In Teheran gehen die Uhren anders als in Graz. Erst passiert lange nichts. Dann aber alles.

Wenn im Frühjahr Khatami die Parlamentswahlen gewinnt, wird das Prinzip der Geistlichen Führung aus der Verfassung gestrichen. Dann wird Teheran frei sein. Dann werden wir einreisen und im Land bleiben dürfen. Dann werden die Teheraner so unbekümmert und frei sein wie die Menschen ... An dieser Stelle unterbricht sich der Giw, weil er sagen will: Dann werden die Teheraner so unbekümmert und frei sein, wie die Menschen in Graz. Aber das kann er nicht sagen, weil er sich in Graz nie frei und unbekümmert gefühlt hat.

Ich schweige, wenn Giw dienstags und freitags im Café Columbia über Teheran spricht, und schaue auf seine Hände, deren Hohlseiten rundlich gewölbte Pakete sind. Mit Einschnürungen dazwischen.