Sonntag, 25. Juli 2010

Wunderland 6.Teil

Widerfährt ihm Liebesleid
Dann bricht er
Oder wird zum Dichter


Pablo Picasso, Der Harem
„Wie auch immer – ich saß eine Woche lang, oder länger, ich weiß es nicht mehr, Tag für Tag in der Hitze - allerdings ist die Hitze bei uns, in Teheran“, der Feine wandte sich wieder an mich, „nicht schwül, wie bei uns, in den Deutschsprachigen Bergen, sondern trocken, und leichter zu ertragen, ich saß also Tag für Tag im Schanigarten, in der Hitze, neben dem Kiosk, und las die Zeitung - ich kaufte immer mehrere Zeitungen auf einmal, und das Problem war, daß mich, als Revolutionär, alles, was in den Zeitungen stand - und die Zeitungen waren ja voll von Revolution -, das mich alles was in den Zeitungen stand, natürlich sehr interessierte, und ich fürchtete das Mädchen - versunken in meiner Zeitungslektüre -nicht aus dem Haustor treten zu sehen.

Schließlich passierte es. D.h., daß ich das Mädchen aus dem Haus treten sah. Sie hatte jene Jeanshose an, die sie angehabt hatte, als ich auf der Bank gesessen, und meine Wurstsemmel gegessen, und sie auf einmal vor mir gestanden, und gesagt hatte, sie schreibe Gedichte, und ob sie beitreten dürfe - jene Jeanshose deren Blau dunkler war, und wie man in der Deutschsprachigen Provinz gesagt haben würde, fader als die Jeanshosen der Mädchen aus Nord-Teheran -, sie trat aus dem Haus und ehe ich mich versehen hatte, wie man so sagt, saß sie auf dem Rücksitz eines Motorrades - und weg. Also gab es einen anderen. Ich bezahlte mein Cola oder Canada Dry, ich weiß es nicht mehr, und ging nach Hause, seither habe ich weder die Schule, noch die Buchhandlung noch überhaupt die Kühlschrankstraße gesehen, übrigens wurde die Schule nach der Revolution zugesperrt, resp. in eine Bildungsanstalt für angehende Religionspädagoginnen umgewandelt.
Ich fuhr nach Hause und beschloß, das Dichten für immer zu lassen, so sehr war das Dichten für mich mit dem Mädchen verknüpft, resp. mit der Liebe zum Mädchen, ich war dabei, meinen Kameraden vom Poesieclub zu schreiben, und ihnen meinen Austritt zu erklären, da fiel mir ein Vers ein, aus dem Traktat Instruktionen für alle Lebenslagen eines Antschenani genannten Teheraner Poeten des elften Jahrhunderts, es heißt dort, im Kapitel Pubertät und junges Erwachsenenalter:
Widerfährt ihm Liebesleid,
Dann bricht er -
Oder wird zum Dichter

und ich beschloß, jetzt erst recht - wie es die Bewohner der Berge anläßlich jener Präsidenschaftswahlen zu ihrem Motto gemacht hatten, jener Wahlen, bei denen sie einen Angehörigen der Mörder-Armee jenes Mörderregimes, das vor Jahren einmal hier in den Deutschsprachigen Bergen geherrscht hatte, zu ihrem Präsidenten wählten -, ich beschloß jetzt erst recht Dichter zu sein, resp. zu bleiben, und wieder fiel mir Antschenani ein, jener Meister des elften Jahrhunderts, der neben den Instruktionen auch ein Epos verfaßt hat, in Versen natürlich, dessen Titel vom deutschen Übersetzer mit
Der Frauenhasser
nur unzulänglich übersetzt worden ist, eigentlich müßte es heißen:
Der von der Frauenkrankheit
, resp. von der Frauenstörung Erfaßte.
Wie auch immer - Der Frauenhasser handelt von einem Teheraner Potentaten des zehnten Jahrhunderts, der erfährt, daß seine Geliebte einen schwarzen Sklaven liebt. Er läßt beide, die Geliebte und den Sklaven, hinrichten, und nimmt sich eine Andere, die ihn natürlich wieder betrügt, diesmal mit dem chinesischen Konditor am Hof, ihre Nachfolgerin betrügt ihn mit seinem syrischen Astronomen, die vierte wieder mit einem afrikanischen Sklaven, und als er von der Affäre seiner fünften Geliebten mit seinem sarazenischen Hofstallmeister erfährt, befiehlt er neben seiner Residenz ein Gehege zu errichten, alle jungen Frauen des Reiches einzufangen und in das Gehege zu sperren und wie wilde Tiere zu halten.“ Die Augen des Grobe schienen auf einmal wieder zu leuchten, wie vorhin, aber das Leuchten vermochte das Grimmige in seinem Gesicht auch diesmal nicht zu verdrängen.
„Hin und wieder“, sagte der Feine, „erlaubt er einer der Frauen, ihm persönlich zu dienen, die er beim geringsten Anzeichen von Unbotmäßigkeit aber hinrichten läßt - mitunter auch ohne jeden ersichtlichen Grund. Eines Tages verliebt er sich dann in eines seiner armen Opfer, eine junge, schöne Tscherkessin.
Ihre Schönheit",
offenbar zitierte er jetzt wieder jenen Poeten, und gestikulierte - auf eine Art, die mir für Teheran typisch erschien, auch wenn ich keine Erinnerung mehr an Teheran habe,

„Ihre Schönheit raubte jedem
Den Verstand und die Ruhe - Jenem aber,

gemeint ist natürlich der König", sagte der Feine,
"Jenem aber
Brachte sie beides zurück.
Der König behandelte die Tscherkessin mit zunehmender Zuneigung immer liebevoller, und menschenwürdiger, nicht wie das Tier, zu dem er sie – und alle anderen jungen Frauen im Königreich Teheran - mit jenem im Zorn erlassenen Dekret gemacht hatte. Aber natürlich mußte sich auch diese, sechste, Geliebte in einen Anderen verlieben - einen am Hof beschäftigten, aus Griechenland gebürtigen Waffenschmied. Anders als bei ihren Vorgängerinnen erfuhr der König von der Untreue seiner Tscherkessin aber nicht von einem Dritten, vielmehr war er selbst Zeuge, als die Tscherkessin und der Grieche sich küssten. Der König, der, wie soll ich es sagen, im Töten seiner Ehefrauen und ihrer Liebhaber schon ziemlich routiniert war, der König hatte sein Schwert schon gezogen, da bemerkte er zu seiner Überraschung, daß ihn der Anblick der beiden, wie sie sich küssten, eigentlich sehr faszinierte - und er beschloß, die beiden zunächst gewähren zu lassen, und sie erst später zu töten. So kam es, daß er - den das Schauspiel, das man ihm unwissentlich darbrachte, immer mehr in den Bann zog - die beiden nicht nur in jener Nacht, sondern auch in den folgenden Nächten gewähren ließ. Schließlich mußte er sich eingestehen, daß er den Anblick einer Geliebten in den Armen eines Anderen ungleich mehr genoß, als wenn sich diese ihm selbst hingab. Folglich heiratete er die Tscherkessin unter der Bedingung, daß sie ihren griechischen Liebhaber auch als Königin beibehalten möge – und/oder andere Liebhaber -, daß sie aber damit zu rechnen habe, daß er sie, wann immer er wolle, beim Liebesakt beobachten würde - und so lebten beide, der König und die junge Königin, resp. alle drei oder vier oder fünf, oder wieviele es immer gewesen sein mochten, glücklich und zufrieden, bis ans Ende - wie man in den Deutschsprachigen Bergen zu sagen pflegt - ihrer Tage.“
wird fortgesetzt

Donnerstag, 22. Juli 2010

شب ها برپشت بامهای تهران. جنبش سبز وشعارالله اکبر


سما معانی
ترجمه فارسی‌: ایرج هاشمی زاده

مقاله‌ای را که میخوانید ترجمه زیبای فارسی دوست خوبم ایرج هاشمی زاده از متنیست که در ژوئن ۲۰۰۹ چند روز پس از انتخابات ریاست جمهوری ایران به زبان آلمانی نوشتم. این مقاله در شماره اخیر کیهان لندن به چاپ رسیده.

وقتی دردهه ٔ هفتاد با پدرومادرم ازآلمان به تهران بازگشتم، بزرگترها درهرموقعیت وفرصتی سخن خودرا بااین جمله باتمام می رساندند: «…برای همینه این مملکت عقب مونده … »
آن زمان ۶ ساله بودم.
چندباردرهفته بعدازظهرها پیش مادربزرگم بودم. یک روز که بامادربزرگ پیاده عازم خانه پدرومادرم بودیم، تنگ غروب بود و آسمان پرازستاره. مادربزرگ شروع کرد ازستاره ها وصورت‌های فلکی برایم تعریف کردن. این اولین بارنبودکه ازستاره ها برایم سخن می گفت. پرسیدم: «مادربزرگ ازکجا اینها را یاد گرفته ای؟»
گفت: «تابستانها تهرونی ها روی پشت بام می خوابند».
«روی پشت بام؟ می خوابند؟»
پاسخ مادربزرگ گیجم کرد. پشت بامهای شهردوسلدورف، شهری که قبل از بازگشت به تهران درآن زندگی می کردیم، جلوی چشمانمان ظاهرشد وتصویرمادربزرگ را، خوابیده برپشت بام پرشیب خانه های دوسلدورف، می دیدم واین جمله آهسته وآرام برزبانم آمد: «…برای همینه این مملکت عقب مونده…»
یادش بخیر! آنزمان پسربچه ای بودم که اغلب پای درکفش بزرگترها می کردم.

دراین روزهای تابستانی* درتهران مردم شب ها برپشت بامها می روند، ولی نه برای خوابیدن. ازپشت بام ها شب به شب بانگ «الله اکبر» به صدا درمی آید؛ خدابزرگ است. بانگ نبرد اپوزیسیون با رژیم حاکم ، رژیمی که مصمم است با تقلب درانتخابات وبا حضوراراذل وخشونت بی رحمانه صدای مردم را برای کمی آزادی و حفظ عزت وشرف خفه کند.
اما چرا «الله اکبر»؟ مگر ۳۰ سال پیش درست همین «الله اکبر» نبود که زنگهای انقلاب را به صدا درآورد ومنتهی به همین سیستمی شد که مردم امروز برعلیه آن برخاسته اند؟ چرا مردم شب ها برپشت بامها بانگ «مرگ بردیکتاتور» سرنمی دهند یا ساده تر، چربا کلمه ساده«آزادی» خواسته خودرا بیان نمی کنند؟
البته مردم فریاد«آزادی» و «مرگ بردیکتاتور» را هم سرمی دهند اما آهسته تر و اکثرا درروزروشن ونه درشب.

آیا مردم ایران به نوعی قربانی تکرارناخواسته تاریخ اند که گوئی ازغیب دستی آنها رارهبری می کند تا مکرردرمکرراشتباهی را تکرارکنند؟
می دانیم برای «فروید» تکراراجباری نشانه غریزه مرگ است. آیا ایرانی ها ملتی خسته اززندگی اند و کشش وتمایل به خودکشی دارند؟

بسیاری معتقدند بانگ «الله اکبر» فاقد پیامی خاص وفقط نقل قولی است از انقلاب ۱۳۵۷، که با تکرارآن مردم می خواهند ظلم وستم حاکم برروح وجان خویش را به گوش حاکمین برسانند؛ پیامی است به علی خامنه ای: « آن زمان را به یاد می آوری؟، دوباره در همان شرایط هستیم».
حقیقتی دراین استدلال نهفته است، برپایه چنین استدلالی، نقل قول
بودن بانگ «الله اکبر» به‌ این اعتراض کاراکتری نه کهنه ومهجور، بل برعکس پست
مدرن میبخشد.
اما آیا مردم با بکارگرفتن زبان سرکوبگران ــ حتی اگرفقط هدفشان رساندن پیام به سرکوبگران باشد ــ در«تورعلاج ناپذیرزبان حاکمان» گرفتارنمی شوند؟
به زبان دیگر: آیا بافریاد «الله اکبر» ادامه فشار وظلم حاکم را فریاد نمی زنند؟

.اما شاید بانگ «الله اکبر» کمترنقل قول است تا نوعی یادگارتاریخی.
اسلاوی ژیژک درکتاب «خلع سیاسی اخلاق»(1) ازیک کمونیست وانقلابی اسلونی
یاد می کند که درسال ۱۹۴۳دراردوگاه اسیران سیاسی وقومی دولت فاشیستی ایتالیا درجزیره « راب»(2) شورش زندانیان یوگسلاوی را رهبری کرد وبربیش از۲۰۰۰
سرباز مسلح ایتالیائی پیروزگردید. کمونیست ها پس ازپایان جنگ این مرد انقلابی را دستگیرودراردوگاهی درجزیره ای زندانی کردند وسپس درسال ۱۹۵۳وادارش کردند با سایر زندانیان مجسمه ای بمناسبت دهمین سال شورش جزیره « راب» بناکند.
به زبان ساده تر، مجسمه ای برای خودش وبه یادبود خودش.
ژیژک درسرنوشت این انقلابی، سرنوشت مشابهی ازمیلیون ها انسانی‌ را میبیند که ابتدا درمبارزات انقلاب سرخ روسیه شرکت می کنند و سپس دردوران فرمانروائی استالین به برده هایی تبدیل می شوند که به اجبار درساختن مجسمه یادبودگذشته انقلابی خود محکوم می گردند.به گفته ژیژک یک نوع « ظلم شاعرانه».
ما ایرانی ها برای شعروشاعری، از ذوق وقریحه بالائی برخورداریم -وحال بنظر می آید برای « ظلم شاعرانه».
ما با بانگ «الله اکبر» مجسمه خود، مجسمه انقلاب ۵۷ یا بهتربگویم، گذشته انقلابی
مادران و پدرانمان را بنا می کنیم.
بااین تفاوت با آن انسانهایی که ژیژک ازآنها نام می برد، که ما بر عکس آنها بدلخواه خود این کار را انجام میدهیم - ودرزمانی که امید به رهائی از دیکتاتوری مذهبی جلوی چشمانمان قرارگرفته.

آیا روزی به یادبود «الله اکبر» امروزمان- « ظلم شاعرانه»ای که بسوی
خودمان نشانه گرفته ایم - آیا روزی به یادبود «الله اکبر» امروزمان خواهیم گفت: «…برای همینه این مملکت عقب مونده …» ؟


*این مقاله درژوئن 2009
خرداد۱۳۸۷
نوشته شده

1) Slavoi Zizek, Die Politische Suspension des Ethischen. Frankfurt am Main 2005
2) Raab

Samstag, 17. Juli 2010

Wunderland 5. Teil

Scham in der Kühlschrank-Straße


„Während der Ferien versuchte ich mit dem Mädchen in Kontakt zu treten, ich schrieb ihr Briefe an die Adresse der Buchhandlung ihrer Eltern, und gab als Absender den Club der Toten Dichter an. Das Mädchen ließ meine Briefe unbeantwortet – ich vermutete daß ihre Eltern trotz des unverfänglichen Absenders Verdacht geschöpft und die Briefe abgefangen hatten.

Schräg vis à vis des Hauses, in dem sich die Buchhandlung der Eltern des Mädchens befand, und dessen ersten Stock sie mit ihren Eltern bewohnte, oder den zweiten, ich weiß es nicht mehr, war ein Kiosk, da konnte man Zeitungen oder Snacks kaufen, Bücher, kalte und heiße Getränke, im Sommer standen neben dem Kiosk Tische und Stühle, an denen aber nie jemand saß, und, weil ich dem Mädchen auflauern wollte, wurde ich der erste Gast dieses, wie man in der Deutschsprachigen Provinz gesagt haben würde, Schanigartens. Ich saß dort, Tag für Tag, und Stunde für Stunde, als einziger Gast, und wie ich es aus Agentenfilmen kannte, versteckte ich mein Gesicht hinter einer schwarzen Sonnenbrille, die ich von unserem Vater ausgeborgt hatte, aus den Fünfziger Jahren, sowie hinter großformatigen Teheraner Zeitungen, von denen es in jenem Sommer täglich neue gab – der Kioskbesitzer war schließlich gezwungen, die Zeitungen vor dem Kiosk auf dem Trottoir aufzulegen.

Die Zeitungen waren in jenem Sommer voll von Revolution und forderten die politische Öffnung Teherans und soziale Reformen, immer dreister wurden auch die Repräsentanten des Regimes kritisiert, und oft diffamiert, wie jener Ministerpräsident, Gott habe ihn selig, er wurde nämlich von den Klerikalen später erschossen, die Zeitungen unterstellten ihm damals - wie es sich herausstellen sollte, völlig zu Unrecht -, er wäre ein Anhänger jener Glaubensgemeinschaft, die seit der Revolution von den Klerikalen in Teheran verfolgt wird, wie seinerzeit jene Glaubensgemeinschaft in den Deutschsprachigen Bergen von jenem Mörderregime verfolgt und fast vernichtet wurde.

Mein Interesse an den Zeitungen und was sie über die Revolution zu berichten hatten, erleichterte das Sitzen in jenem Schanigarten ein wenig, und das Warten, das mir peinlich war, weil ich mich genierte. Ich genierte mich vor dem Kioskbesitzer - was mochte er sich denken, über einen Achtzehnjährigen, der in den Ferien nichts anderes zu tun wußte, als Tag für Tag stundenlang in der prallen Sonne zu sitzen, Zeitungen lesend, und Coca Cola zu trinken? Ich schämte mich vor dem Mädchen, wenn sie mich entdecken sollte, ohnehin wird sie mich von ihrem Fenster aus irgendwann einmal entdeckt haben, ich schämte mich vor den Anrainern der Yachtschal-Straße, in der sich der Kiosk und das Gymnasium und die Buchhandlung und die Wohnung des Mädchens befand“, der Feine wandte sich an mich „Yachtschal heißt Kühlschrank, Kühlschrank-Straße also – ich schämte mich also vor den Anrainern der Yachtschal-Straße, die hinter ihren Fenstern stehen und auf mich herabschauen mochten, tatsächlich gab es niemanden, der an seinem Fenster gestanden und auf mich herabgeschaut hätte“, der Feine wandte sich wieder an mich, „es war damals in Teheran nicht üblich, im Unterschied zu den Deutschsprachigen Bergen hier, sich ans Fenster zu stellen und stundenlang auf die Straße zu schauen, was sich nach der Revolution aber änderte - nach der Revolution, resp. der Installierung der Instanzen der Sondermoral hatten die Mädchen und Jungen in Teheran keine Möglichkeit mehr, sich zu treffen und kennenzulernen, weder gab es Diskos noch Parties, noch war es möglich, wie unter dem Kaiser der Fall, einander in Parks zum Beispiel kennenzulernen, das Kennenlernen wurde zum Problem, und in den auf die klerikale Revolution folgenden Jahren wurde es üblich, daß sich die Jungen an das Fenster stellten und stundenlang auf die Straße herabschauten und vorbeigehende Mädchen herbeipfiffen - folgte das Mädchen dem Pfiff kam es zu einem kurzen Gespräch, und bevor die Sittenpatrouille auftauchte, wurden Telefonnummern ausgetauscht. Diese Praxis änderte sich erst als das Internet“, der Feine zeigte auf den Jungen als wäre dieser das Internet, „eingeführt wurde.“
wird fortgesetzt

Samstag, 10. Juli 2010

Wunderland 4. Teil

Wie ein Bewohner eines fernen Planeten in das Revolutions-Teheran gebeamt ...

"Ich begab mich auf die Suche nach den Kollegen vom Poesie-Club, es war der erste Tag des Projekt-Unterrichts, und der Jahreszeit entsprechend fanden fast alle Projekte im Freien statt. Die meisten Kameraden fand ich bei einem Öko-Projekt, auf der Suche nach Schnecken, und bald hatte ich alle zu einer Sondersitzung in unserem Sonderbüro, das uns die Teherani zur Verfügung gestellt hatte, versammelt, inklusive des Mädchens. Ich berichtete von den Vorkommnisen und meinem Auftritt bei Teherani und Lawasani, und wie ich die Teherani gezwungen hätte, unser Anrecht auf den großen Pausenhof zu bestätigen – und daß ich mit dieser meiner Intervention den Angriff von AC/DC, dieses Symbols des Amerikanismus, auf den großen Pausenhof abgewehrt hätte.
Die Kameraden schwiegen und ich wunderte mich, daß sie schwiegen und nicht in Jubel ausbrachen, kaum daß ich diesen Gedanken hatte, passierte genau das: Einer nach dem anderen stand auf und äußerte sich zustimmend bzw. lobend über meine Intervention, der Enthusiasmus steigerte sich und gipfelte beim letzten der Kameraden in eine Lobeshymne. Nur das Mädchen hatte nichts gesagt.
Und Du?, fragte ich, Was meinst Du?
- Ich bin dagegen.
- Wogegen?
- Daß wir das Poesiefest am großen Pausenhof abhalten. Die Teherani hat recht. Und AC/DC - ich meine die richtige Band - ist nicht amerikanisch. Sondern australisch.

Das Mädchen hatte mir noch nie widersprochen, oder sie hatte es schon, d.h. sie widersprach mir fast immer, aber sie hatte es nie in Gegenwart meiner Kollegen vom Poesie-Club getan. Ich widersprach ihr meinerseits, sie wiederum mir, und die Situation eskalierte. Keiner der Kameraden wagte es, für einen von uns Partei zu ergreifen, schließlich stand ich auf und bedeutete dem Mädchen, mir nach draußen zu folgen, was sie - zwar widerwillig - auch tat.
Draußen wollte ich sie zur Rede stellen, sie war aber schneller, zumal ich, wegen der Art, wie sie im Club widersprochen hatte, noch fassungslos war, und als sie ihre Argumente, die sie vor den Kameraden schon vorgebracht hatte, zu wiederholen begann, sagte ich nichts mehr. Im Grunde sagte sie dasselbe, was die Teherani auch schon gesagt hatte, daß - wenn das Fest im großen Pausenhof stattfinden sollte -, es auffallen würde, wenn niemand käme, sie sagte niemand, das werde ich niemals vergessen, und zweitens, daß wir wegen des höllischen Lärms von AC/DC nicht imstande sein würden, beim Vortragen unserer Poesie unsere eigenen Worte zu hören, und wir würden uns drittens nur unbeliebt machen, und lächerlich, wenn sich auf dem kleinen Hof die Fans von Sam die Füße zertreten müßten, während wir - falls uns überhaupt jemand käme - den ganzen großen Pausenhof zur Verfügung haben würden.

Ich hatte das Mädchen noch nie so erregt gesehen, sie war rot im Gesicht, aber nicht aus Scham, wie es oft der Fall gewesen war, und mit jedem Satz, den sie sprach, resp. jedem Wort, wurde sie wütender, sie beendete ihre Brandrede mit einer Drohnung: Falls wir das Fest tatsächlich am Donnerstagabend und am großen Pausenhof abhalten sollten, würde sie der Veranstaltung fernbleiben und überhaupt aus dem Poesie-Club austreten, mit Idioten wolle sie nichts zu tun haben, das sagte sie - und ging.

Ich stand da, wie ein Bewohner eines fernen Planeten, den man ganz unerwartet in das Revolutions-Teheran des Jahres 1978 gebeamt hat – wir alle schauten damals mit Begeisterung Raumschiff Enterprise, und auf die Idee, die Serie, weil sie aus Amerika stammt, als kapitalistisch zu bezeichnen, wäre keiner gekommen. Dann schüttelte ich den Kopf und dachte mir: Weiberei, und ging zurück in das Sonderbüro, um das weitere Vorgehen in Sachen AC/DC zu besprechen, resp. mich von den Kameraden weiter feiern zu lassen.

Wir hielten unser Poesiefest am Donnerstagabend, und natürlich im großen Pausenhof ab, Sams AC/DC traten am kleinen Pausenhof auf, und wie das Mädchen und die Teherani vorausgesagt hatten – und wie eigentlich jeder vernünftige, nicht durch poetische, resp. proletarisch-revolutionäre Verschrobenheit, Sturheit und Trotz Verblendete wissen hätte sollen -, kamen die Massen zu Sams AC/DC, im kleinen Pausenhof, wo sie sich gegenseitig die Füße zertraten, und uns verfluchten - zu uns kamen, abgesehen von unseren Clubmitgliedern, nur drei, lauter Kameraden, die einen Text für unseren Literaturwettbewerb eingeschickt hatten. Die Verfasser der drei Siegertexte waren aber erst gar nicht gekommen, sie waren alle, wie ich später erfahren sollte, im kleinen Pausenhof, bei Sam.

Das Mädchen war, wie angekündigt, nicht zum Poesiefest gekommen, und da jener Donnerstag der letzte Schultag war, und noch dazu für unseren Jahrgang – habe ich es schon erwähnt? - der letzte Schultag des letzten Schuljahres, wußte ich nicht, wie ich sie kontaktieren sollte. Ich hatte nicht einmal ihre Telefonnummer – sie meine glaube ich schon, ich hätte natürlich im Telefonbuch nachschauen können – „Das wollte ich gerade sagen“, sagte der Junge, der auch schon sein zweites Bier bestellt hatte, „ - aber ich fürchtete“, sagte der Feine „ihre, aus dem Süden stammenden Eltern“.
wird fortgesetzt

Samstag, 3. Juli 2010

Wunderland 3. Teil

Machte dennoch keine Anstalten, mich mit Rockmusik zu befassen ...

„Fangen wir an.“, sagte der Grobe.
„Fangen wir an.“, sagte der Feine und er hielt, zum Zeichen, daß er noch ein Bier bestellen wollte, sein Glas in die Höhe. „Ich werde alles erzählen“, und zum Groben: „Du kannst Dich an Shirwani erinnern? Sam Shirwani?

Ich war, als ich den Feinen Sam sagen hörte, überzeugt, daß sich die Tatsache, daß man einen Teheraner Sam nannte, dem Einfluß der Amerikaner verdankte, dem Teheran ja nach den Angaben des Feinen vor der klerikalen Revolution ausgesetzt war - dem Einfluß der Amerikaner verdankte sich übrigens auch meine Frage über Teheran, die ich den Brüdern noch stellen wollte. Später erfuhr ich, daß Sam der Name eines Teheraner Helden der Mythologie sei.


„Sam“, sagte der Feine, an den Jungen, resp. an mich gewandt, „war mein Schulkamerad in der Parastu-Schule, in Nord-Teheran - Sam war alles andere als ein Freund, aber für mein Leben sollte er, wie soll ich sagen, wichtiger werden als alle Freunde zusammen. Sam war der Sohn eines Nord-Teheraner Wurstfabrikanten, dessen Produkte“, der Feine wandte sich jetzt an mich, „in Teheran jeder Greissler und jeder Supermarkt im Angebot hatte, und auf allen Fernsehstationen, und als Leuchtreklame an Hochhäusern und Verkehrsknotenpunkten und Autobahn-Ausfahrten waren die Wurtsprodukte von Sams Vater präsent, und ich glaube ohne zu übertreiben behaupten zu können, daß die Wurstprodukte von Sams Vater die in der Geschichte Teherans am besten beworbenen Produkte darstellen. Dennoch wurde Sam nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, wegen den Wurstprodukten seines Vaters von uns, seinen Klassen- und Schulkameraden, gehänselt, im Gegenteil – er war der beliebteste Schüler im ganzen Gymnasium. Wie zu erwarten gewesen wäre sage ich nicht wegen der in Teheran, wie auch in den Deutschsprachigen Bergen der Wurst inhärenten Lächerlichkeit, sondern weil der Gedanke an eine proletarische Revolution uns damals beherrschte - wir alle, die wir aus Familien der Mittel- und Oberschicht stammten, wie alle Gymnasiasten in allen Gymnasien Teherans, wir empfanden uns alle als proletarisch und infolgedessen als revolutionär - dennoch war die Revolution die ja bald darauf tatsächlich stattfand, keineswegs proletarisch - sondern klerikal. Was ich sagen wollte: In Anbetracht unseres proletarisch-revolutionären Bewußtseins wäre zu erwarten gewesen, daß Sam, dessen Vater einer der größten Kapitalisten im ganzen Teheran war, bei uns, seinen Mitschülern, unbeliebt gewesen wäre, was aber, wie schon gesagt, überhaupt nicht der Fall war, er war im Gegenteil der beliebteste aller Schüler. Mag sein, daß Sam's Beliebtheit mit der Tatsache im Zusammenhang stand, daß er einer der besten Fußballer in unserer Schule war, wenn nicht überhaupt der beste, obwohl damals in Teheran der Fußball keineswegs als proletarischer Sport galt, wie es z.B. hier, in den Bergen, der Fall ist, sondern im Gegenteil als amerikanisch und kapitalistisch, was natürlich lächerlich ist, weil man den Fußball in Amerika weit weniger liebt als bei uns. Dann war Sam – und auch das muß man, was seine Beliebtheit betrifft, in Rechnung stellen - Rockmusiker, er hatte als Kind schon E-Gitarre gelernt - und mit fünfzehn gründete er eine Band, die sich in Anlehnung an die Originalband aus Australien AC/DC nannte.

Ich kannte mich mit Rockmusik nicht aus, was ich sehr bedauerte, ich hätte mich gerne mit Rockmusik ausgekannt, weil sich mit Rockmusik auszukennen bei uns in der Schule als cool galt, ich machte dennoch keine Anstalten, mich mit Rockmusik zu befassen, wohingegen ich mich intensiv mit der Teheraner Lyrik befaßte - vor allem mit der traditionellen, weniger mit der modernen –, ich hatte schon in der ersten oder zweiten Unterstufe begonnen, Gedichte zu schreiben, also mit zehn oder elf. Je älter ich wurde, desto häufiger schrieb ich Liebesgedichte - und dann kam das Mädchen“ - und bis zum Ende sagte der Feine das Mädchen, ohne einen Namen zu nennen. „Das Mädchen hatte ein schmales Gesicht, das ihrem schmalen Körper entsprach, dunkle Haare und eine dunkelbraune Haut, im Unterschied zu der lhellen bis sehr hellen Haut der anderen Mädchen unserer Schule, die alle aus Nord-Teheran stammten.

Das Mädchen stammte aus einer im Süden von Teheran angesehenen Buchhändlerdynastie, sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater waren BuchhändlerInnen, die, als ich die vierte Klasse besuchte, in unser Viertel gezogen waren, wo sich auch unser Gymnasium befand, um vis à vis unseres Gymansiums eine Buchhandlung zu eröffnen. Diese Buchhandlung werde ich niemals vergessen, d.h. den Geruch, die Buchhandlung bestand aus einem schmalen, länglichen Raum, mit einem Holzboden, und ich glaube, der Geruch der Buchhandlung war der Geruch jenes Holzbodens, der übrigens dem Holzboden dieser Gaststube hier ähnelte …“ „Das ist ein Schiffsboden“, sagte ich, und es war, als hätte der Schiffsboden wieder zu schwanken begonnen.

„Die Buchhandlung hatte einen Vertrag mit unserem Gymnasium, wir durften dort Bücher entlehnen, und wenn jemand ein entlehntes Buch behalten wollte, wurde die Entlehngebühr vom Kaufpreis abgezogen.
Vor der Eröffnung der Buchhandlung kannte ich nur die Bücher unserer Eltern, Gott habe sie selig, obwohl ich auch schon vor der Eröffnung der Buchhandlung, wie soll ich sagen, ein Bücherfanatiker war, unsere Mutter“, der Feine wandte sich an mich, „war Bergbau-Ingenieurin, und besaß viele Sachbücher, die mich nicht sonderlich interessierten, aber der Vater“, der Feine suchte den Blickkontakt, zuerst mit dem Jungen, und dann mit dem Groben, der ihn aber verweigerte, „erinnert Ihr Euch, der Vater hatte, neben seinen Romanen - übrigens auch etliche deutschsprachige - zahllose Werke unserer alten Teheraner Meister. Wie die meisten meiner Teheraner Altersgenossen schrieb ich damals Gedichte, und wie ich meine, gar nicht so schlechte, einmal hatte Die Beschaulichkeit, das Teheraner TV-Magazin, über die Vermittlung einer Kousine der Mutter, einer Sportjournalistin, ein Gedicht von mir publiziert, das sich vordergründig mit dem Jahreszeitenwechsel befaßte, und mit den Worten endete:

Bald kommt der Frühling,
Dann sind wir frei,
Nicht ewig währt die Tyrannei.

Es war im letzten oder vorletzten Jahr der Herrschaft des Kaisers. Dennoch wurde das Gedicht unzensiert abgedruckt, vermutlich waren die Redakteure der Beschaulichkeit, wie wir alle in Teheran, vom Virus der Revolution infiziert, die als proletarische anfing und in eine klerikale mündete.


Nach der Veröffentlichung meines Jahreszeitengedichts wurde ich plötzlich berühmt. Nicht im ganzen Teheran, aber ich galt in der Schule fortan als Poet, und gründete zusammen mit einigen anderen Jungen einen Poesie-Club, den Club der Toten Dichter. Ich weiß schon“, sagte der Feine, nachdem er meinen irritierten Blick registriert hatte, „ich weiß, der Film ist erst später entstanden, da gab es unseren Poesie-Club nicht mehr, und nicht einmal mehr das Gymnasium, aber der Film hat mich derart beeindruckt, und so sehr an unseren Poesie-Club erinnert, daß ich ihn im Nachhinein Club der Toten Dichter genannt habe, und wie wir ihn damals tatsächlich genannt hatten, habe ich wieder vergessen. Der Club hatte außer mir noch vier Mitglieder, glaube ich, lauter unsportliche Brillenträger. Um die Poesie der alten Teheraner Meister zu fördern, schrieben wir Gedichte im Stil jener Alten, die wir einander in der Teeküche der Buchhandlung der Eltern des Mädchens vorlasen. Wir hatten auch eine Wandzeitung, Die Welt im Wort oder Das Wort in der Welt.

Einmal saß ich auf einer Bank, im Pausenhof des Gymnasiums, und aß mein Wurstbrot ­- auf Anraten unseres Kinderarztes gab mir unsere Mutter, weil ich so dünn war, täglich ein Wurstbrot, das mußte ich essen -, da stand auf einmal das Mädchen vor mir. Ob sie etwas fragen dürfte? Sie stand vor mir in einer Jeanshose, die werde ich niemals vergessen, eine gewöhnliche Jeans, bloß daß deren Blau dunkler war, und, wie man in der Deutschsprachigen Provinz gesagt haben würde, fader als die Jeanshosen der Mädchen aus Nord-Teheran. Das Mädchen hatte bis dahin mit mir überhaupt nicht gesprochen, obwohl sie seit Monaten unsere Schule, resp. unsere Klasse besuchte. Die Menschen in Süd-Teheran“, der Feine wandte sich wieder an mich, „sind in der Regel konservativ eingetellt, die im Norden in der Regel modern, und die Eltern des Mädchen waren, wie mir das Mädchen später erzählte, ganz besonders konservativ, so daß das Mädchen auch mit den anderen Jungen in unserer Klasse nicht sprach – wohingegen die anderen Mädchen unserer Klasse, die aus Nord-Teheran, pausenlos mit den Jungen sprachen. Ich weiß, daß Du Gedichte schreibst, sagte das Mädchen, auch sie täte das. Ob sie dem Club der Toten Dichter beitreten dürfte?


Das Mädchen hatte mich, seitdem sie das erste Mal unsere Klasse betreten hatte, beschäftigt. Mir gefiel ihre Schüchternheit und was die Kameraden ihre Unschuld nannten, Immerhin, hatte Arman gesagt, ein ständig rülpsender, Kamerad, dessen Vater mehrere Diskotheken besaß, und den wir den Proleten nannten, was aber trotz unserer proletarisch-revolutionären Haltung nicht wertschätzend gemeint war, immerhin, hatte Arman gesagt, ist sie im Unterschied zu den anderen keine Hure. Das Mädchen hatte mich also beschäftigt, wegen ihrer, von den Kameraden sogenannten Unschuld, aber auch wegen ihres Körpers, das schmal war, aber trotz schmal, wie soll ich es sagen, sehr weiblich, ich hatte vor, über ihren Körper, ihre Schüchternheit und ihre Unschuld je ein Gedicht zu verfassen. Als sie mich fragte, ob sie mich etwas fragen dürfte, war ich aufgesprungen, und wußte nicht, was ich mit meinen Händen und meiner Wurstemmel anfangen sollte. Um ihre Frage zu beantworten, nickte ich, reden konnte ich nicht, weil ich aufgeregt war, aber sie konnte das Nicken nicht sehen, weil sie - als sie mich fragte, ob sie mich etwas fragen dürfte - ihren Kopf gesenkt hielt. Sie hatte dann aber, ohne mein Nicken gesehen zu haben, ihre Frage gestellt, offenbar hatte sie ihre erste Frage aus reiner Etikette gestellt. Im Süden“, der Feine wandte sich wieder an mich, „sind die Menschen konventioneller und höflicher als die Menschen im Norden. Das Mädchen hielt also ihren Kopf gesenkt während sie sprach, aber als sie sagte, sie schreibe Gedichte, hob sie ihn, und ich sah ihre Augen, und in ihren Augen ein Leuchten. Ich hatte niemals zuvor Augen leuchten gesehen, und hatte mich immer gefragt, was das denn heißen soll, daß Augen leuchten. Nun wußte ich es. Aber ich habe an jenes Leuchten in den Augen des Mädchens keine Erinnerung mehr, ich weiß zwar, daß in jenem Moment ihre Augen leuchteten, aber es gibt daran kein Erinnerungsbild, weil ich mich damals, als sie den Kopf hob, und ihre Augen leuchteten und sie sagte, sie schreibe Gedichte, auf einmal in das Mädchen verliebte, und weil die Erinnerung an dieses Mich-auf-einmal-in-das-Mädchen-Verlieben die anderen Erinnerungen an jenen Augenblick ausgelöscht hat - abgesehen vom Erinnerungsbild an jene Semmel, die ich in der Linken hielt, nachdem ich sie zwischen meiner Rechten und meiner Linken hin und her geschoben hatte, weil ich auf einmal nicht mehr gewußt hatte, was ich mit der Semmel und mit meinen Händen, anfangen sollte.


Andere Erinnerungen zeigen mich und das Mädchen Hand in Hand, im Hemingway-Park, was ihre aus dem Süden stammenden Eltern, wenn sie es denn gesehen hätten, umgebracht hätte. In diesen Erinnerungen ist es immer Sommer, ich habe das Mädchen aber niemals geküsst. Dann die Erinnerung an diesen Hügel, ebenfalls im Hemingway-Park, auf dem wir sitzen, Rücken an Rücken, und lesen, das Mädchen hat mich gelehrt Romane, zu lieben, aber auch Comics, bevor ich mich in das Mädchen verliebte, glaubte ich, wie alle in unserer Klasse, Comics und Cartoons seien amerikanischer Schund.


Das Mädchen hatte immer gesagt, ich sei der einzig interessante Junge im ganzen Gymnasium. Und Sam, fragte ich, alle reden von Sam. Und sie: Sam sei, wie man in der Provinz hier gesagt haben würde, genau der gleiche Prolet wie der Armin, und außer den Schulbüchern lese er sicher überhaupt keine Bücher. Im foglenden Schuljahr kam es zur ersten Krise unserer Liebe - wenn es denn Liebe war, ich bin mir im Nachhinein nicht mehr so sicher, d.h. ich bin es, was mich betrifft schon, aber lassen wir das. Am letzten Schultag, zugleich der letzte Tag des alljährlich sattfindenden Projektunterrichts, hatte unser Club ein Dichterfest organisiert, die Clubmitglieder sollten selbst verfaßte Gedichte verlesen, inkl. des Mädchens, das Mädchen war, soweit ich mich erinnere, das sechste und jedenfalls einzige weibliche Mitglied des Clubs -, und als Höhepunkt unseres Festivals hatten wir an die Vergabe eines Literaturpreises gedacht. Ich war über die Maßen enttäuscht, daß nur eine Handvoll, übrigens lauter Jungen, für unseren Literaturwettbewerb überhaupt einen Text eingereicht hatten, obwohl wir uns alle, was die Werbung für den Literaturwettbewerb anbelangt, über die Maßen angestrengt hatten, vor allem das Mädchen und ich, trotz unserer beider Schüchternheit, d.h. wir alle im Club waren schüchtern, und Brillenträger, allerdings trug das Mädchen Kontaktlinsen.


Das Desinteresse der Kameraden an unserem Dichterfest kränkte mich umso mehr, weil ich gleichzeitig mit ihrem überwältigenden Interesse an ein Rockkonzert von AC/DC konfrontiert war, Sams Rockgruppe, das am ersten Tag des Projektunterrichts hätte stattfinden sollen, man sprach von nichts anderem, und überall in der Schule hatten Mitarbeiter von Sams Vaters Wurstpalast, einem Gebäudekomplex, unweit der Schule, in dem sich
Kinos,
Diskotheken,
Schönheitssalons,
eine Sauna,
und Bars
befanden, und diverse Restaurants, wo es in den unterschiedlichsten Variationen Wurst gab, Hotdogs, Pizze und Pasta mit Wurst, Reis mit Wurst, Burger und Sandwichs und Salate mit Wurst, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, es gab ein Wurst-Eis, dessen Gechmack ich niemals vergesse, und Wurstkaugummis - überall in der Schule hatten die Wurstpalast-Männer Werbeplakate für das AC/DC-Konzert affichiert, sogar in der Buchhandlung der Eltern des Mädchens.

Drei Tage vor dem Konzert verkühlte sich Sam, und man sprach von nichts anderem als von dieser Verkühlung, am Samstag, an dem das Konzert hätte stattfinden sollen, dem ersten Tag des Projekt-Unterrichts, waren auf den Werbeplakaten orange Streifen angebracht, mit der Aufschrift: Verschoben auf Donnerstag, dem soundsovielten! Ich werde den Anblick dieser orangen Streifen niemals vergessen, am Donnerstagabend hatten wir unser Poesiefest, und falls das Konzert von Sam am selben Abend stattfinden würde, würde kein Schwein, Sie verzeihen“, der Feine wandte sich an mich, „kein Schwein zu unserem Poesiefestival kommen. Ich war schockiert, und ohne mich mit den anderen vom Club, zu beraten, stürmte ich in das Büro der für den Projekt-Unterricht zuständigen Geschichte- und Geographie-Professorin“, der Feine wandte sich an den Groben, „Du kennst sie, die Teherani. Ich war an und für sich ein Schüchterner, das sagte ich schon, aber sobald ich die Streifen mit der Aufschrift: Verschoben auf Donnerstag! sah, fiel die Schüchternheit von mir ab, und ich lief zur Teherani, ich hatte ganz leise zu sprechen begonnen, dann expoldierte ich, und begann, auf einmal, zu schreien, ein Verbrechen sei das, dem Konzert des Sohnes eines Wurstmagnaten und Kapitalistenschweines vor ein proletarisches Literaturfest den Vorzug zu geben - in Wahrheit waren unsere Gedichte im Stil der Alten verfaßt, wie gesagt, insofern also keineswegs proletarisch, aber ich wußte, daß die Teherani einem Kommunistendynastie angehörte, ihre Großmutter hatte während der Konstitutionellen Revolution - sie war Kommunistin und Feministin gewesen – einem Gardeoffizier das Ohr abgebissen“, der Feine wandte sich wieder an mich, „wir hatten, resp. wir haben in Teheran seit 1840 alle dreißig Jahre eine Revolution. Fräulein Teherani verhielt sich mehr als freundlich zu mir, trotzdem oder weil ich geschrien, und mich als Repräsentant eines proletarischen und zornigen Poesie-Clubs dargestellt hatte, ich sollte später erfahren, daß Teherani keineswegs Kommunistin war, sondern Buddhistin. Buddhist zu werden, war in Teheran schon damals in Mode, mit ihrer Familie hatte sie gänzlich gebrochen und haßte die Politik. So was liebt die Jugend, sagte die Teherani, womit sie die Rockmusik meinte, oder vielleicht Sam, man müsse die Jugend verstehen, sie klang, als wäre sie alt, und auch ich, dabei war sie damals maximal 30, was uns aber schon sehr alt vorkam, Leichenschändung, hatte Arman gesagt, jener rülpsende Kamerad, als von einer Affäre Sams mit einer 30-jährigen Professorin die Rede gewesen war - oder war sie Trainerin in einem Fitnesstudio im Wurstpalast?, wie auch immer, ich war damals siebzehn. Die Jugend, wiederholte die Teherani, liebe solche Musik, das sei nun mal so, und die einzige Möglichkeit, das Konzert vor den Ferien stattfinden zu lassen, sei der Donnerstagabend, davor sei nicht zu erwarten, daß Sam genese - und danach seien die Ferien. Als Alternative für unser Poesifest käme jeder andere Abend der Projekt-Woche in Frage, der große Pausenhof, den ich schon ein halbes Jahr zuvor für den Donnerstag reservieren hatte lassen, sei aber - an diesen anderen Abenden – besetzt, womöglich sei das aber ohnehin besser, nein, sicher sogar, denn zu unserer Veranstaltung würden ohnehin nicht die Massen erwartet, so sei halt die Jugend, wir sollten das Poesiefest am besten an einem anderen Abend abhalten – und auf jeden Fall am kleinen Pausenhof, da würde es nicht weiter auffallen, wenn die Massen nicht kämen – aber bitte auf keinen Fall am Donnerstagabend, da würde ja am großen Pausenhof AC/DC auftreten. Der große Pausenhof, sagte ich, ist doch … am Donnerstagabend schon seit Monaten für uns reserviert! Theoretisch, sagte die Teherani, ja, und natürlich könntet Ihr darauf bestehen, daß Euer Poesiefest, am Donnerstagabend, auch tatsächlich am großen Pausenhof stattfindet, aber überlegt Mal - in diesem Moment wurde mir schwarz vor den Augen, überlegt Mal, niemand würde es einsehen, wenn das Poesiefest im großen Pausenhof stattfinden würde, und Sam auf den kleinen ausweichen müsste, was lächerlich wäre, und außerdem, es hätte doch keinen Sinn - der kleine und der große Pausenhof liegen doch nebeneinander, wenn Ihr das Poesiefest am großen Pausenhof abhalten würdet und Sam sein Rockkonzert am kleinen Pausenhof, würdet Ihr beim Vorlesen Eurer Gedichte, Eure eigenen Stimmen nicht hören.

Ich war aufgestanden und hatte das Büro der Teherani wortlos verlassen, die in meiner Erinnerung mein Aufstehen überhaupt nicht bemerkte, und fortfuhr, über die Jugend zu reden, wie sehr sie die Rockmusik liebe, als PädagogIn habe man es in Teheran schwer heutzutage usw. Ich ging stracks zu unserer Direktorin, deren Büro sich vis à vis des Büros der Teherani befand, die Direktorin war eine mollige Dame, um die vierizig, und keinesfalls hübsch, nicht so hübsch jedenfalls wie die Teherani, die mir persönlich aber gar nicht gefiel, alle anderen fanden sie jedoch überwältigend hübsch, Die mußt man, Sie verzeihen“, der Feine wandte sich wieder an mich, „die mußt man gefickt haben, sagte Arman, der besagte Prolet, es ging das Gerücht, daß die Teherani und die Lawasani, so hieß die Direktorin, miteinander nicht konnten, ich unterließ es daher nicht, darauf hinzuweisen, daß unseres Erachtens die Teherani an allem schuld sei. Wir haben vor Monaten bei Fräulein Teherani den großen Pausenhof für unser proletarisches Projekt reserviert, und jetzt kommt der Sohn dieses Wurstfabrikanten und Schweins mit seiner amerikanischen Band und wird krank und wir - sollen das Feld räumen? Ist das im Sinne - ich wollte sagen, im Sinne der Revolution, die damals ja schön langsam in Gang kam, da fiel mir ein, daß die Lawasani und ihre Familie als kaisertreu galten, nicht zu Unrecht, sie wurde gleich nach der Revolution, und auch ihr Ehemann, von einem Sondergericht für Pädagogen erschossen, im Übrigen unter dem Beifall“, der Feine wandte sich an den Groben, „der kommunistischen Medien, Du weißt es, die jedes Todesurteil der Sondergerichte begrüßten, und immer mehr Todesurteile forderten, bis dann das Regime der klerikalen Faschisten die Kommunisten selbst abzuschlachten begann. Ich wollte also sagen, Nein ich sagte tatsächlich: Ist das im Sinne der Revolution? Nein, sagte die Lawasani, stand auf und ging in das Büro der Teherani und kam kurz darauf, von ihr begleitet, zurück . Die Teherani war blaß. Selbstverständlich könnt Ihr das Fest am Donnerstag am großen Pausenhof abhalten – dann wollte sie noch etwas sagen, sagte aber nichts mehr und verließ das Büro der Direktorin, ohne sich von mir oder von ihr verabschiedet zu haben.


wird fortgesetzt