Freitag, 20. April 2018

Zizek in Teheran 158


Parviz Kardan
Ich hab gesagt 
Ich fahre ins Wunderlandlager?

Geschrieben. 
Glaubst es mir nicht? 

Schirin reicht mir ihr Smartphone 

Doch doch
Ich ... kann mich bloß...
Nicht erinnern
Ein solches SMS
Geschrieben zu haben
Oder
Ins Wunderlandlager 
Gefahren zu sein 

Dieses gefahren zu sein ...
Respektive Gefahren 
Wiederhole ich
Erst für mich
Und dann immer lauter 

Gut geht’s dir wirklich nicht 
Sagt die Schirin 

Wenn ich Gefahren sage 
Blitzt
So ein ... Bild auf
Diese ... Klippe
Ein See ...
Warte ...
Nein
Ich erinnere mich nicht ...

Die Mama hat auch schon
Länger nichts von dir gehört

Wirklich?
Wußte ich nicht
Könnten wir uns ...
Irgendwo hinsetzen?

Die neue Gefängnis-Caféteria
Ist cool 
Sagt Schirin

Die neue Gefängnis-Caféteria
Hat eine Schülerin von Namwar
Entworfen
Die in Teheran wie im Ausland
Neuerdings gehypt wird
Weil sie die berühmte 

Brücke der Natur 

Entworfen hat. 

Eine 270 Meter lange Fußgängerbrücke über eine der Highways im Norden von Nord-Teheran, die zwei Parks miteinander verbindet. In offiziellen Websites wird auch die Brücke selbst als Park bezeichnet. Ohne jedes Grün allerdings. 

Vater würde
Diese Namwarschülerin eine

Büromöbeldesignerin

Nennen.
Ihre Brücke
Scheint nämlich
Aus Metallröhren
Von Büromöbeln
Eines
Wettbüros
Zusammengezimmert zu sein
Oder des Büros eines 
Immobilienhais.

Lauter Wettbüromöbel
Stehen auch
In der schönen neuen
Gefängnis-Caféteria

Kaum daß wir
Direkt neben dem WC
Zwei Plätze
Ergattern

Viele Junge bis sehr Junge
Schirin gefällt es
Ausnehmend gut

Wann hab ich Narges
Das letzte Mal
Gesehen?
Haben wir uns wieder gestritten?
Wegen deiner dummen Eifersucht
Würde sie sagen
Aber auf wen
Eifersucht? 

Stimmt es, daß du auf Kardan
Eifersüchtig bist? 
Sagt die Schirin 
Wie die Mama behauptet? 

Die Frage
Hat sie doch schon einmal gestellt
Die Schirin.
Oder ist das wieder
Ein Déjà vu?
Sind Déjà-vu’s Vorzeichen
Oder Symptome einer 
Demenz?
Muß ich googeln ...

(Schirin sagt übrigens 
Maman 
Wie die Franzosen
In Frankreich
Nicht Mama 
Wie die Deutschen
Trotz ihrer deutschen Großmutter
Spricht sie kein Deutsch
Das französische
In Teheran übliche 
Maman 
Mit Teheranischer Aussprache 
Maman 
Mit zwei – mehr oder weniger – dunklen A’s
Also fast 
Momón)

Aber Eifersucht
Auf den Kardan?
Die Narges kennt den Kardan doch nicht
Das heißt
Sie kennt ihn natürlich schon
So wie wir alle
In Teheran
Ihn kennen
Als Fernseh- und Kinostar
Der Siebziger
Ausgenommen die ganz Jungen
Obwohl auch die ...
Narges kennt und liebt seine Filme
Persönlich
Kennt sie ihn aber nicht

Moment ... 

wird fortgesetzt

Samstag, 14. April 2018

Zizek in Teheran 157



Hinrichtung

Sie brachten ihn also
Die Rettungsmänner
Den Übersetzer
Ins Krankenhaus

Genauer
In die Dritte Abteilung für
Intensivmedizin
Der Universitätsklinik
Der University of Tehran 
Wo ihn das Team
Des besagten Ex-Schulkollegen
Und Bergwanderfreundes
Dr. Ramin Safari
Chefarzt eben jener Dritten Abteilung für
Intensivmedizin
In Empfang nahm.

Von da an
War unser Übersetzer
Eigentlich in Sicherheit
Und wurde
Tags darauf, glaube ich,
In das Wunderlandlager gebracht
Wo er seither ...
Aber ...
Da war noch etwas
Was ich nicht mehr
Erinnere ...
Wenn ich an den Übersetzer denke
Geht es mir
Wie einem
Der auf der Analytiker-Couch
Über einen Traum zu berichten versucht
Lauter Ungereimtheiten und Lücken
Auf einmal fällt dir die eine Traumszene ein
Eine andere ist auf einmal verschwunden
Die du gerade
Deutsch und deutlich
Vor Augen hattest
Deutsch und deutlich ... sagen sie doch eigentlich
Nur
In der Schweiz ...

Und à propos Couch ...
Bin doch selbst auf der Couch dieses ...
Analytikers gelegen
Oder?
Aber der ist doch noch gar nicht
In Teheran
Falls es ihn ..
Überhaupt gibt
Nicht daß ich den Übersetzer für verrückt halte würde
Verrückt ist er nicht
Wenn auch
Wie soll ich sagen
Verschroben ist er schon
Unser Übersetzer
Aber wir lieben ihn alle
Oder?

Schirin hat ihr Smartphone gezückt
Sucht etwas 
Da.
Das war am Dreizehnten
Vor eineinhalb Wochen
Hab ich gefragt
Ob es was neues vom Kardan gibt
Und du:
‚Fahr heute ins Wunderlandlager’
Dann hab ich nix mehr von dir gehört.

Zeig her 
Sage ich

Sie lacht 
Willst nachschauen
Ob’s deine Schrift ist? 
Wo warst du?

Es geht mir nicht gut.

Merke ich
Wirkst irgendwie 
Distressed 
Oder 
Uneasy? 

Schirin liebt das Englische über alles
Will Amerikansitik studieren.

Für das Begräbnis
Brauchte es natürlich eine wirkliche Leiche
Und damit die Prinzipalisten
Keinen Verdacht schöpfen.

Darum hat sich
Unser Mann in der Gerichtsmedizin
Dessen Namen ich immer vergesse
Gekümmert
Freund und Kollege des besagten Freundes
Dr. Safari
Bei der Leiche handelte es sich
Natürlich
Um die Leiche
Eines Hingerichteten
Den sie in der Gerichtsmedizin leicht verkohlten.
Ja, LeserIn. Verkohlen kannst du auch transitiv
verwenden
Kannst also nicht nur selbst verkohlen
Sondern auch
Jemanden anderen.

„Am meisten Hinrichtungen gab es 2017 in China. Anmesty schätzt, dass dort jedes Jahr mehrere tausend Menschen hingerichtet werden. Weil die Daten im Reich der Mitte aber nicht öffentlich zugänglich sind und es sich um Schätzungen handelt, ist China nicht Teil der Gesamtstatistik. Nach China liegen Teheran (mehr als 507 Hinrichtungen), Saudi-Arabien (146) und der Irak (mehr als 125) auf den vordersten Rängen.“ (Die PRESSE vom 12.4.2018) 

wird fortgesetzt

Donnerstag, 12. April 2018

Zizek in Teheran 156


Das Wunderlandlager
Nein
(Antworte ich auf Schirins Frage: Was neues vom Kardan gehört?)
Nein nichts
Du?

Auch nichts. Aber ...
Warst du nicht neulich im Lager?

Nein
Schon lange nicht.

Oder?

Das Lager ... LeserIn
In das wir
Den Kardan alias den Übersetzer alias den Elektrischen
Nach jener vorgetäuschten, elektrischen Exekution
Haben hinbringen lassen
Nenne ich
Das
Wunderland-Lager.1

Dieses haben die reformierten religiösen Faschisten
Alias die Reformfaschisten
Alias die

Reformfaschierten

Wie mein Ex-Schulkollege und Bergwanderfreund, Dr. med. Ramin Safari, sie nennt
Als Lagerversuch konzipiert
Und realisiert.

Du weißt nicht, was ein Lagerversuch ist?
Reformpädagogen machen
Überall auf der Welt
Schulversuche
In Teheran machen Reformfaschisten Lagerversuche
Bisher allerdings nur einen einzigen:
Das Wunderlandlager
In welchem vorwiegend – aber nicht ausschließlich – junge, aus Sicht der Faschisten politisch irregeleitete Menschen untergebracht sind.
Die aber dafür, daß sie politisch irregeleitet sind, nicht bestraft werden
Sondern sie führen
Im Gegenteil
Das schönste
Und sorgenfreieste Leben (sagt man sorgenfreieste, LeserIn?)
Im Wunderlandlager
Und das aufregendste.

Im Wunderland lebt es sich tausendmal freier
Und besser
Als in der Islamischen Republik Teheran
Was allerdings keine Kunst ist
Mehr noch: Es gibt keinen Ort dieser Welt
In dem man vergnügter leben könnte
Und freier
Als in jenem
Von mir Wunderland genannten
Umerziehungslager der reformierten religiösen Faschisten.

In dieses Wunderlandlager haben wir
Schirin und ich
Den Elektrischen
Nach jener vorgetäuschten elektrischen Exekution
Bringen lassen
Zunächst aber haben ihn
Die Rettungsmänner
Ins Krankenhaus gebracht.

Unter den Rettungsleuten
(Je mehr ich nachdenke
Desto mehr fällt mir ein)
Die ihn ins Krankenhaus brachten
Gab es natürlich
Verbündete
Angehörige der Opposition
Die verhinderten
Daß die nicht-verbündeten
Rettungsmänner
Zu nahe an den Übersetzer herankamen
Was sie eventuell in die Lage versetzt hätte
Den ganzen Schwindel zu durchschauen.

wird fortgesetzt

1 Vgl. Sama Maani, Teheran Wunderland, Klagenfurt, 2018

Montag, 9. April 2018

Walter Fanta über "Teheran Wunderland"

... was Unterdrückung, Revolution und Religion in den Seelen junger Menschen anrichten ...

Kurzrezension des Germanisten, Autors und Herausgebers der neuen Musil-Gesamtausgabe, Walter Fanta, über "Teheran Wunderland":

Wundern wir uns nicht oft über die Fremden, die es in die deutschsprachigen Berge verschlagen hat? Asylanten, Migranten, mit ihrer fremden Sprache, Kultur, Religion? Was sind die Hintergründe der Vertreibung aus ihrem Wunderland

Der in Teheran gebürtige und in Wien lebende Arzt und Psychoanalytiker lässt in seinem Roman bizzarre Geschichten aus dem Teheran erzählen, die unsere Verwunderung vielleicht noch verstärken. Drei Männer sitzen übereinander Gericht. In einer Provinzstadt in den Deutschsprachigen Bergen. Über ihre Verstrickungen in Teheraner Revolutionen, die von damals, als das klerikale Regime an die Macht kam, sich spiegelnd in der von jetzt, in der sich die Klerikalen gegen den Machtverlust wehren. In splitterhaften Episoden erfahren wir, was Unterdrückung, Bürgerkrieg, Revolution und Religion in den Seelen junger Menschen anrichten. Es geht in die Tiefe, ans Eingemachte. Was heißt es, gegen Machtausübung, Umerziehung, Verführung Leib und Leben einzusetzten? 

Fremdartig-vertraut muten uns die Nachtstücke dieses westöstlichen Divans an und es dämmert uns beim Lesen, dass deren Religion unserer allzu ähnlich ist, ihre versäumte Revolution der gleicht, die wir versäumt haben. Es gibt keinen strukturellen Unterschied der Religionen, der Kulturen, nur die Verschiedenheit der Sprachen existiert, der subtilen kulturellen Codes, zwischen denen zu übersetzen Sama Maani es wie kaum einer versteht.

Freitag, 6. April 2018

Zizek in Teheran 155

 
Noch dazu: Profunde Kenntnisse der Psychoanalyse ...

Da bist du ja!



Sagt Schirin

Und gibt sich

Als stünde sie

Vor der Kamera

Und würde sie interviewt

Oder es würde eine Doku gedreht

Über sie

Respektive die Dada-Gedichte rezitierenden

Coolen Mädchen und Jungs



So freundlich

Mir gegenüber

Habe ich die Schirin

Selten erlebt

Diese jüngere, unausgereifte Version ihrer Mutter



Was neues

Fragt sie

Von Kardan gehört?



Von Kardan...

Versuche, mich zu erinnern

Als wäre es nicht ein paar Tage her

Sondern Jahre



Dieses Zacken und Zucken

Der Kardan hat virtuos mitgespielt

Und Hedi Lamuri

Oder Lamarian

Von der

University of Tehran



Hat ganze Arbeit geleistet

Die Professorin

Für Psychophysik

Diese

Optischen und akustischen Spezialeffekte ...

Hat alles echt ausgeschaut



Habe dieses

Seltsame ...

Wenn ich an die Ermordung des Elektrischen denke

Gefühl

Ich hätte es zweimal erlebt

Ein Déjà vu

Aber im Nachhinein



Aber ... es war ja kein Mord

Der Elektrische lebt ja noch

Oder?

Wir haben doch

Um die Prinzipalisten

Unter den religiösen Faschisten

Zu täuschen

Diese elektrische Exekution vorgetäuscht

Vor dem Haus des Vergessens

Der Bibliothek der in der Sprache Teherans verfaßten Bücher

Des Internats islamischer Mädchen.

Mithilfe eben dieser Hedi Lamuri oder Lamari

Oder wie immer sie heißen mag, LeserIn



Habe ich jetzt ... LeserIn gesagt, LeserIn?

Ich meine gedacht?

Als wäre ich

Dieser ... Analytiker

Und Schriftsteller

Den der Übersetzer ...

In Graz

Kennengelernt haben soll

Damals

Vor der Revolution

In den siebziger Jahren?



Und dessen Rückkehr

Nach Teheran

Der Übersetzer erwartet

Wie die Messianisten

In Teheran

Die Rückkehr ihres Messias?

Wie oft mußte ich dem Kardan
Versprechen
Und habe ich ihm
Daß ich den Analytiker aufsuchen werde
Sobald er zurückkommt
Und daß ich all meine
Geheimdienstlichen Ressourcen
Ausnützen werde
Um in Erfahrung zu bringen
Wann er kommen wird
Und sobald er da ist
Ihn aufsuchen werde
Und ihm das Manuskript
Der Übersetzung
Jener Schrift
Übergeben

Ihm
Dem brillanten deutschsprachigen Autor
Noch dazu: Teheranisch als Muttersprache
Noch dazu: Profunde Kenntnisse der Psychoanalyse



Ihm, dem Bestgeeigneten
Um die Übersetzung
Der Schrift
Zu lektorieren.



wird fortgesetzt

Donnerstag, 5. April 2018

Der Rassismus der Antirassisten (Kommentar im FALTER)


Adorno: Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als bedrohlicher als ...

„Es ist nicht zu übersehen“, sagt Arik Brauer im Interview mit dem FALTER vom 21. März 2018, „dass seit dem Jahre 1948, als die arabischen Staaten Krieg gegen den soeben gegründeten Staat Israel führten, die Einstellung der islamischen Welt zum Judentum von Hass geprägt ist. Vorher war das anders. Da haben die Juden in den arabischen Ländern [...] in Frieden gelebt.“

Brauer irrt. Nicht was die Einstellung – mancher – Angehöriger islamisch geprägter Gesellschaften zum Judentum betrifft. Sondern im allzu harmonischen Bild, das er vom Zusammenleben von Juden und Muslimen vor der Gründung Israels zeichnet. Anders als das traditionelle Christentum bezichtigt der Islam die Juden zwar nicht des Gottesmordes. Die Position traditioneller islamischer Gesellschaften gegenüber Juden kann  aber am ehesten als eine der Verachtung bezeichnet werden. Das bezeugen verschiedene, von Region zu Region und Periode zu Periode variierende Einschränkungen, Erniedrigungen und Bekleidungsregeln. Schon 717, Jahrhunderte vor der Einführung von Judenzeichen in Europa, hatte der Umayyaden-Kalif Omar II Bekleidungsvorschriften für seine jüdischen Untertanen erlassen.

Verachtung kann aber, immer dann, wenn dessen Objekt sich nicht mehr als schwach und unterlegen zeigt, sondern als stark, in – einen mitunter mörderischen – Hass umschlagen. So geschehen etwa 1066 in Granada, als Joseph ibn-Naghrela, jüdischer Minister des damaligen muslimischen Herrschers zusammen mit 4000 anderen Juden massakriert wurde. So geschehen auch im 20. und 21. Jahrhundert im Falle Israels. Jene in Hass verwandelte Verachtung von Juden, der manche – wenn auch selbstverständlich nicht alle – Angehörige von Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit prägt, ist, so gesehen, nicht die Folge des Nahostkonflikts – sondern einer seiner Gründe.

Voraussetzung für die Überwindung religiösen Hasses wäre aber nicht ein interreligiöser Dialog zwischen „Judentum“ und „Islam“ – sondern die Emanzipation islamisch geprägter Gesellschaften von Religion. Und genau diese Emanzipation trauen wir Gesellschaften mit islamischer Bevölkerungsmehrheit nicht mehr zu, seit wir – und das ist ein durchaus neues Phänomen – Menschen aus Ländern wie der Türkei oder aus dem arabischen Raum in allererster Linie als Muslime wahrnehmen, mehr noch: als Repräsentanten des Islam. Seit wir also islamisch geprägte Gesellschaften „voll“ mit dem Islam identifizieren, so als gäbe es dort nichts außerhalb der Sphäre des Islam.

Noch in den 1990er Jahren behaupteten die Rassisten, die Türken würden „uns“ Probleme bereiten, weil sie eben Türken seien. Seit dem Erstarken des sogenannten politischen Islam behaupten die Vertreter des neuen Rassismus, die Türken (die Araber, die Nordafrikaner) würden „uns“ Probleme bereiten – weil sie Muslime seien. Der Islam gilt diesem Diskurs nicht mehr als Glaubensbekenntnis, zu dem sich jemand bekennen mag oder auch nicht, sondern als eine Art „Natureigenschaft“ von Türken, Arabern oder Iranern.

Seltsamerweise bleiben aber auch die linken und liberalen Gegner des neuen Rassismus, statt die fixe Verknüpfung zwischen einem Glaubensbekenntnis und bestimmten Gesellschaften oder Individuen zu dekonstruieren, bei den Identitätsvorgaben der Rassisten: Wer nicht müde wird, „Islamophobie“ als rassistisch zu bezeichnen, erklärt den Islam, ohne es zu bemerken, zu einer „rassischen“, quasi genetischen Eigenschaft von Arabern, Türken oder Iranern. Auf eben dieser Ideologie der vollen Identifizierung von Individuen mit dem Islam scheinen – zumindest tendentiell – auch die Aussagen Arik Brauers zu beruhen.

Über die religiös gefärbte Judenfeindschaft hinaus blieben moderne islamisch geprägte Gesellschaften aber – genauso wenig wie moderne westliche Gesellschaften – vom modernen Antisemitismus verschont, der nicht bloß ein „Vorurteil gegen Juden“ darstellt, sondern – wie Moishe Postone gezeigt hat – eine umfassende Weltanschauung, in der sich verschiedene Aspekte des Unbehagens am modernen Kapitalismus bündeln und „erklärt“ werden.

In Europa gilt der Antisemitismus als Markenzeichen rechter und rechtsextremer Parteien – auch wenn diese selbstverständlich kein Monopol darauf haben. Das scheint sich nun – partiell – zu ändern. So ist etwa die FPÖ seit Jahren bemüht, sich vom Antisemitismus zu distanzieren. Denken wir nur an Straches Worte im vergangenen Januar am Akademikerball: „Die Verantwortung und das Gedenken an die Opfer des Holocaust sind uns Verpflichtung und Verantwortung. Wer das anders sieht, soll aufstehen und gehen“. Das hatte zwar einen Shitstorm seiner Fans zur Folge. Die FPÖ- Führung scheint den Antisemitismus aber tatsächlich hinter sich lassen zu wollen – um ihn durch jenen neuen Rassismus der vollen Identifizierung von Menschen aus islamisch geprägten Gesellschaften mit dem Islam zu ersetzen. Arik Brauers Satz: „Von dem alten, europäischen Antisemitismus fühle ich mich nicht mehr bedroht“, ist auch vor diesem Hintergrund zu lesen.

Hat er Recht? Ist der sogenannte politische Islam heute gefährlicher als die neue Rechte? Abstrakt lässt sich diese Frage nicht beantworten. Dass Brauer, der meint: „Aus meinem Vater wurde Seife gemacht, aus mir wird niemand Seife machen, weil es einen jüdischen Staat gibt, der stark ist“ sich vor der Islamischen Republik Iran, die im März 2016 Raketen mit der hebräischen Aufschrift „Israel muss ausradiert werden“ testete, mehr fürchtet als vor Straches Positionen in der Raucherdebatte, ist mehr als nachvollziehbar. Die Gefahr, die vom sogenannten politischen Islam ausgeht, zu relativieren, wäre fahrlässig.

Aber: Die Distanzierung der offiziellen FPÖ vom Antisemitismus stellt bloß eine Momentaufnahme dar. Faschismus bleibt – auch als entkoffeinierter Faschismus – gefährlich. Oder um es mit Adorno zu sagen: „Ich betrachte das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als bedrohlicher, denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.“

Samstag, 24. März 2018

Replik auf Biskamps Kommentar zu einem Kapitel meines Buches Respektverweigerung (4)


Potter Stewart über Pornografie: Ich weiß zwar nicht was sie ist, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe!
Zurück zum Begriff „volle Identifizierung“. Wenn ich die Wendung, Islamkritik, die nicht voll identifiziere, koste nicht viel, richtig verstehe, müsste nicht-identifizierende Islamkritik, weil „kostengünstig zu erwerben“, weit verbreitet sein. Seltsam nur, dass nicht bloß jene Islamkritik – beziehungsweise „Islamkritik“1 – der neuen Rassisten, sondern nahezu die gesamte aktuelle europäische Islamdebatte – vom Diskurs rechter Ethnopluralisten über jenen der Konservativen, der Liberalen und der Grünen bis zum Diskurs linker Vertreter der Identitätspolitik (siehe den ersten Teil dieser Replik) – auf eben dieser Ideologie der vollen Identifizierung gründet – kaum auf jenes angeblich „kostengünstig zu erwerbende“ nicht-identifizierende Reden über den Islam. Eine Ideologie, die sich im linken und im liberalen Reden über den Islam etwa in der weit verbreiteten, aber unausgesprochenen Annahme ausdrückt, islamisch geprägte Gesellschaften könnten den Weg in die Demokratie und in die Moderne einzig und allein über eine Erneuerung des Islams finden – über einen reformierten, liberalisierten, demokratisierten, feministischen ... Islam. Nicht etwa durch die Emanzipation jener Gesellschaften von Religion, sprich durch eine Säkularisierung, die dem Islam von außen jenen Platz zuweisen würde, der ihm in einer demokratischen Gesellschaft zukommt. 

Über Pornografie- und Rassismus-Diagnostik 

Auch wenn ich mich in meiner Einschätzung täuschen und die volle Identifizierung von Subjekten aus islamisch geprägten Gesellschaften mit dem Islam weniger verbreitet sein sollte als ich es wahrnehme (die nicht-volle Identifizierung hingegen verbreiteter), würde dies nichts daran ändern, dass ein Reden über den Islam, das nicht voll identifiziert – mag es nun „viel oder wenig kosten“ – genauso wenig rassistisch sein kann wie nicht-identifizierendes Reden über Buddhisten, Sieben-Tage-Adventisten, Marxisten oder Anhängern der Psychoanalyse.

Rekapitulieren wir: Zwar hat Biskamp keinen – richtigen – Begriff vom neuen Rassismus, dennoch aber vermag er den Rassismus in Fällen, in denen voll identifiziert, der Islam also tatsächlichen oder vermeintlichen Muslimen als „Natureigenschaft“ zugeschrieben wird, als Rassismus zu erkennen. Auch wenn er diesen Phänomenen den falschen Begriff „antimuslimischer Rassismus“ zuordnet. Hier gilt die berühmte Formel des US-Höchstrichters Potter Stewart über Pornografie: „Ich weiß zwar nicht, was sie ist, aber ich erkenne sie, wenn ich sie sehe!“

Aber: Der falsche Begriff „antimuslimischer Rassismus“, macht ihm dann Probleme, wenn er Positionen begegnet, auf die der Begriff „antimuslimisch“ zwar zutrifft, die aber nicht voll identifizieren und folglich nicht rassistisch sein können – die er aber, der falschen Logik „antimuslimisch = rassistisch“ folgend, als rassistisch auffassen muss. Um es nochmals zu betonen: „Antimuslimische“ Positionen als solche können, weil der Begriff „antimuslimisch“ immer den real existierenden muslimischen Glauben meint, genauso wenig rassistisch sein wie antikommunistische oder antikatholische. Rassistisch sind sie dann – und nur dann – wenn sie zusätzlich auf das voll identifizierende kulturalistische Konstrukt „Islam als Natureigenschaft“ verweisen.

Wie Stewart die Pornografie, vermag Biskamp den neuen Rassismus, wann immer er ihm konkret begegnet, also zu erkennen. Auch wenn weder Stewart einen Begriff von Pornografie hat, noch Biskamp vom neuen Rassismus. Um es in der Sprache der medizinischen Labordiagnostik zu sagen: Wie Stewart in der Pornografie-Diagnostik gelangt Biskamp in der Rassismus-Diagnostik zu „richtig positiven“ Resultaten. Allerdings verleitet die falsche Verknüpfung von „antimuslimisch“ und „rassistisch“ Biskamp auch zu „falsch positiven“ Resultaten: Er läuft Gefahr, zum einen religionskritische Positionen, zum anderen aber auch alle möglichen Formen der Hetze als rassistisch zu verkennen.2 

Stürzenberger oder die volle Identifizierung der Unmoral mit dem Rassismus 

Um einen solchen Fall „falsch positiver“ Rassismus-Diagnostik handelt es sich möglicherweise bei Biskamps Urteil über Michael Stürzenberger, auf den er verweist, um den Zusammenhang zwischen voller Identifizierung und Rassismus zu widerlegen:

„Ich nehme an, dass wir uns bei ihm [i.e. bei Stürzenberger, Anm. von mir ] relativ schnell einig werden, dass er ein rechter Hetzer ist [...] Es lässt sich nicht ohne weiteres zeigen, dass der Islam in seinen politischen Reden nur eine Ausrede ist, um gegen Zuwanderung oder gegen Menschen mit Migrationshintergrund zu hetzen. Vielmehr bezieht er explizit eine liberale, menschenrechtliche Position, von der aus er den Islam als Bedrohung für die Freiheit aller beschreibt – und zwar in Europa ebenso wie in der arabischen Welt, im Iran oder sonstwo. Er will nicht nur München und Paris, sondern auch Teheran und Riad von der Bedrohung durch islamische Herrschaft befreien. Es ist leicht aufzuzeigen, dass Stürzenbergers scheinbarer Liberalismus zutiefst autoritär, verhärtet und antiliberal ist. Ebenso leicht ist es darzulegen, dass sein Bild vom Islam grob verzerrend ist.“

Und:

„Indem Maani die volle Identifikation zu einem entscheidenden Kriterium macht und der Kritik des antimuslimischen Rassismus vorwirft, diese zu reproduzieren, [...] legitimiert er implizit jede „Islamkritik“, die nicht voll identifiziert und dies nicht zu tun, kostet nicht viel. Auch bei Stürzenberger, der sich ja positiv aus Islamkritikerinnen aus islamisch geprägten Ländern sowie auf liberale Musliminnen bezieht, wäre diese volle Identifikation letztlich schwer nachzuweisen.“

Folgen wir Biskamp, scheint Stürzenberger also nicht voll zu identifizieren. Er scheint also im Unterschied zu den Neorassisten von AfD, PEGIDA,und Co, mehr noch: im Unterschied beinahe zum gesamten aktuellen Islam-Diskurs in Europa, Menschen aus islamisch geprägten Gesellschaften nicht als Angehörige einer „fremden Kultur“ – i.e. der „islamischen“ – aufzufassen, sondern als eigenständige Subjekte. Dennoch aber ist er, Biskamp zufolge – und in diesem Punkt wollen wir seinem Urteil vertrauen – ein rechter Hetzer, dessen „scheinbarer Liberalismus zutiefst autoritär, verhärtet und antiliberal ist.

Das Problem, mit dem Biskamp hier konfrontiert ist – und das er als ein Problem meiner Texte missversteht – haben wir schon erwähnt: Weil Stürzenberger offensichtlich antimuslimische Positionen einnimmt, muss Biskamp, als Vertreter des Begriffs „antimuslimischer Rassismus“, diese konsequenterweise als rassistisch auffassen.

Indem er sich gleichsam fragt: „Wie ist es möglich, dass Stürzenberger, der nicht voll identifiziert, dennoch rassistische Positionen vertritt?“, überträgt er das Problem, das sich bei der Anwendung seines Begriffs „antimuslimischer Rassismus“ auf das Phänomen Stürzenberger ergibt, auf meine Texte. Sobald wir aber sein Problem mit dem Hinweis auf die Selbstverständlichkeit aufzulösen versuchen, dass der Islam-Diskurs Stürzenbergers, falls er und sofern er nicht voll identifiziert, eben kein rassistischer sein kann – verbunden mit der Aufforderung, Biskamp möge, statt den Widerspruch, mit dem er bei Stürzenberger konfrontiert ist, auf meine Texte zu übertragen, sich mit seinen eigenen Begriffen auseinandersetzen, zeigt sich ein weiteres, Problem Biskamps – und zwar mit der vollen Identifizierung. Nicht so sehr in Bezug auf die Frage, ob Stürzenberger „voll identifiziert“ oder nicht, sondern in seinem eigenen Denken. Wenn er schreibt, dass ich, indem ich „die volle Identifikation zu einem entscheidenden Kriterium“ für den Rassismus mache, implizit jede „Islamkritik“ legitimiere, die nicht voll identifiziert – also auch den Islam-Diskurs eines Hetzers wie Stürzenberger –, geht er offenbar von einer seltsamen Verschränkung, ja von der vollen Identität der Kategorie des Rassismus mit der Kategorie des moralisch Unzulässigen aus. Von der Umkehrung der Formel:

Jeder Rassismus = unmoralisch

in die Formel:

Alles Unmoralische = rassistisch

Hier scheint Biskamp, wie so viele linke und liberale Zeitgenossen, auf den Rassismus lediglich moralisch zu reagieren. Wenn aber Entrüstung die begriffliche Auseinandersetzung ersetzt, kann offenbar alles mögliche, moralisch unzulässige dem Rassismus subsummiert werden.

Von der unspezifischen Gleichsetzung von Marginalisierung und Stigmatisierung mit Rassismus war schon die Rede. In Sachen Stürzenberger ignoriert Biskamp eine weitere Selbstverständlichkeit: Hetze ist zwar immer moralisch unzulässig – aber nicht immer rassistisch. Um ein beliebiges Beispiel zu nennen: McCarthys fanatische Hexenjagd auf Kommunisten war ohne Zweifel hetzerisch, aber nicht rassistisch. Dies würde sogar dann zutreffen, wenn McCarthy als Person nicht nur ein Kommunistenhasser sondern „zusätzlich“ auch noch Rassist gewesen sein sollte. Seine Kommunistenhatz wäre dann dennoch nicht rassistisch, schlicht weil der Hass auf Kommunisten genauso wenig rassistisch sein kann wie der Hass auf Muslime – als Muslime. Sollte Stürzenbergers Diskurs den Islam tatsächlich nicht als Natureigenschaft auffassen, kann dieser dennoch hetzerisch und hasserfüllt sein (und daher selbstverständlich moralisch unzulässig), ohne jedoch die Kriterien des traditionellen oder auch des neuen kulturalistischen Rassismus zu erfüllen.

Der Unterschied zwischen rassistischer und nicht-rassistischer Hetze lässt sich gut anhand des Phänomens des religiösen Hasses demonstrieren: Während der Rassist Fremde ausgehend von imaginierten biologischen und genetischen Kategorien rassifiziert und hasst oder diese – im Falle des neuen kulturalistischen Rassismus – als Angehörige einer unabänderlich fremden, von seiner „eigenen“ kategorisch verschiedenen „Kultur“ identifiziert, hasst der religiöse Hetzer Angehörige einer bestimmten Religion „lediglich“ als Angehörige jener Religion. Sollte ein Angehöriger der gehassten Religion seinem Glauben abschwören und den Glauben des religiösen Hetzers annehmen, würde ihn letzterer mit offenen Armen in seiner Glaubensgemeinschaft willkommen heißen. So wie ihn Biskamp beschreibt, scheint diese Charakterisierung mutatis mutandis auch auf Stürzenberger zuzutreffen, auch wenn dieser sich selbst – im Unterschied zum idealtypischen religiösen Hetzer – nicht als Anhänger einer bestimmten Konfession definieren sollte.

Noch ein Wort zu Biskamps Urteil über Stürzenbergers Islambild:

„Ebenso leicht ist es darzulegen, dass sein Bild vom Islam grob verzerrend ist.“

Auch in diesem Punkt wollen wir Biskamps Einschätzung vertrauen und davon ausgehen, dass Stürzenberger tatsächlich ein „grob verzerrendes“ Bild vom Islam hat. Obwohl ich seit Jahren immer wieder die Erfahrung mache, dass bei Diskussion über den Islam es fast immer meine wohlwollenden und weltoffenen, linken und liberalen Freunde sind, die eine verblüffende, vom Wunschdenken geprägte Unkenntnis des Islam und seiner Geschichte an den Tag legen. Während meine rechten und rassistischen Feinde in der Regel weit besser über den Islam bescheid wissen. Hier zeigt sich eine weitere Problematik, die aus einem falschen Begriff vom neuen Rassismus resultiert: Rassisten – wie Antirassisten – mögen mitunter ein falsches oder „grob verzerrendes“ Bild vom Islam haben. Aber: Die mangelnde Kenntnis einer Glaubenslehre oder Glaubenspraxis ist genauso wenig rassistisch – wie die richtige Kenntnis einer Religion antirassistisch. Rassistisch sind die neuen Rassisten nicht deshalb, weil sie über zu wenige oder falsche Informationen über den Islam verfügen. Sondern weil sie dem Islam in ihrer Sicht auf islamisch geprägte Gesellschaften – und auf tatsächliche oder vermeintliche Muslime – einen falschen Platz zuweisen. Weil sie den Islam als „Kultur“ – und Kultur als Natur, sprich als unabänderliche, quasi-biologische Kategorie auffassen.

Wer diese Grundvoraussetzung des neuen Rassismus verkennt und – statt das Konstrukt „Islam als Natureigenschaft“ zu erkennen und zu dekonstruieren – den real existierenden Islam mit stereotypen Formeln („Den Islam gibt es nicht!“, „Das hat doch mit dem Islam nichts zu tun!“ usw.) zu verteidigen sucht, gibt zum einen den Rassisten Recht – lässt er doch deren Konstrukt „Islam als Natureigenschaft“ unwidersprochen gelten. Zum anderen fällt er dem Antirassismus in den Rücken: Weil er dem Missverständnis unterliegt, dass kritische, ablehnende oder feindselige Aussagen über den Islam „rassistisch“ sein könnten, und die Inschutznahme des Islam folglich antirassistisch, nimmt er in Kauf, dass jedes Mal, wenn sich Rassisten in Sachen Islam als die besser Informierten erweisen, der Eindruck eines „Sieges für den Rassismus“ entsteht.

Und warum ist das überhaupt wichtig?

Aber: Ist diese ganze Anstrengung des Begriffs denn überhaupt wichtig? Wenn Einigkeit darüber herrscht, dass religiöser Hass zum Beispiel genauso abzulehnen ist wie der alte und der neue Rassismus – warum sollen wir uns um ihre Unterscheidung bemühen? Sollten wir solch spitzfindige Diskussionen nicht Politikwissenschaftlern oder Linguisten überlassen?

Sollten wir nicht. Denn: Genauso wie Religionsfreiheit kann auch die Überwindung religiösen Hasses – der im Moment wieder um sich greift, denken wir nur an den mörderischen Hass mancher Sunniten auf Schiiten – einzig durch die Emanzipation der Gesellschaft von Religion erreicht werden. Nicht etwa durch einen interreligiösen Dialog. Die Emanzipation der Gesellschaft von Religion wiederum ist ohne radikale Religionskritik nicht zu haben. Genau diese Religionskritik wird nun aber durch Begriffe wie „antimuslimischer Rassismus“, „Islamophobie“ etc., die auch in islamisch geprägten Gesellschaften beliebt sind, und uns suggerieren, dass Religionskritik rassistisch – sprich unmöglich – sein kann, hintertrieben. So werden etwa im Iran Stimmen, welche die Emanzipation der Gesellschaft von der Religion fordern, regelmäßig mit dem „Islamophobie-Argument“ konfrontiert und oft buchstäblich mundtot gemacht.

Und à propos Religionsfreiheit: Auch die Tatsache, dass Muslime heute in den liberalen Demokratien des Westens weit mehr Religionsfreiheit genießen als in vielen islamisch geprägten Gesellschaften (man denke an die Unterdrückung von Schiiten im wahhabitischen Saudi-Arabien, der Aleviten in der Türkei oder moslemischer Derwische im Iran) ist nicht das Resultat eines interreligiösen Friedensvertrags zwischen dem Christentum und dem Islam – sondern wiederum das Ergebnis der Emanzipation der Gesellschaft von Religion. Eine Emanzipation, die undenkbar wäre, ohne die radikale Religionskritik der Aufklärer des 18. Jahrhunderts. Dass falsche Begriffe wie „antimuslimischer Rassismus“ Religionskritik – und somit jene Emanzipation der Gesellschaft von Religion – hintertreiben, auf die unter anderem auch die Religionsfreiheit der Muslime in westlichen Demokratien gründet, ist eine der seltsamen Paradoxien der aktuellen Islam-Debatte. 

Selbstgespräch über Betroffene 

Seit Jahren bin ich bei Diskussionsveranstaltungen über den Islam mit einem seltsamen Phänomen konfrontiert. Wenn Vertreter von Begriffen wie „antimuslimischer Rassismus“, die sich selbst als Vertreter der marginalisierten Gruppe der „Muslime“ verstehen, jenen „Betroffenen“ – also Individuen aus islamisch geprägten Gesellschaften – begegnen, vertreten die „betroffenen“, vermeintlichen und auch tatsächlichen Muslime fast ausnahmslos religionskritische, oft auch dezidiert „antimuslimische“ Positionen. Worauf die Vertreter jener identitätspolitischen Begriffe mit Irritation und Verstörung, mitunter auch mit Empörung reagieren.

Kann es sein, dass identitätspolitische Diskurse weniger mit real existierenden „Betroffenen“ zu tun haben? Dass es sich dabei vielmehr um ein Selbstgespräch eine Art moralische „Selbstbespiegelung“ handelt? Um die narzisstische Sorge vieler Zeitgenossen, um die Reinheit und „Sauberkeit“ ihrer politischen Aussagen und Ansichten? Um ihr Bemühen, die Achtung ihres Über-Ichs zu gewinnen?3

Mit den Worten eines jener „Betroffener“ – des linken syrischen Theoretikers Sami Alkayial – möchte ich diese Replik schließen:

In ihrem Traditionsdiskurs zur ‚Produktion des Opfers’ und ‚der Verteidigung der Minderheiten’, haben die meisten Linken eine Denkweise angenommen, in der Angehörige der unteren Schichten mit nahöstlichem Migrationshintergrund nicht als Individuen, sondern lediglich als Masse wahrgenommen werden, in der es keine Spaltungen und keine Vielfalt, sowie keine Kämpfe und keine Dominanzbeziehungen gibt. Sie nennen diese Masse „die Muslime“, ein Ausdruck, der auch dann rassistisch ist, wenn er gebraucht wird, um diese Menschen zu verteidigen, denn es handelt sich um die Reduzierung von [...] Komplexitäten auf einen Faktor und zwar auf den der Religion, sowie die Objektivierung und Stereotypisierung des Menschen auf religiöse Zeichen und Phänomene. Dadurch werden nur die konservativen und rückständigen Tendenzen wahrgenommen und ausgedrückt.4

Ende 

1 Die Anführungszeichen in die wir die „Islamkritik“ der Rassisten hier setzen, beziehen sich nicht auf das Wortteil „kritik“, sondern auf den „Islam“. Nicht darauf, dass Rassisten ein falsches oder verzerrtes Bild vom Islam als solchen hätten (das mag unter Rassisten wie auch unter Antirassisten vorkommen. Nichtwissen über eine Glaubenslehre macht aber niemanden zum Rassisten), sondern darauf, dass sie dem Islam in ihrer Sicht auf islamisch geprägte Gesellschaften sowie auf tatsächliche oder vermeintliche Muslime – wie unten gezeigt – einen falschen Platz zuweisen. Weil sie den Islam als „Kultur“ – und Kultur als unabänderliche, quasi-biologische Kategorie auffassen. 

2 Nicht auszuschließen, dass diese aus der Anwendung falscher Begriffe resultierende „diagnostische Unsicherheit“ eine andere  Quelle jenes generalisierten Misstrauens bildet, das den Kommentar durchzieht.

3 Vgl. dazu Slavoj Zizek, Ärger im Paradies. Vom Ende der Geschichte zum Ende des Kapitalismus, Frankfurt am Main 2015, S. 137 

4 Sami Alkayial, Der Krieg in Syrien und die Krise linker Traditionen